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CAS 2019, 1
Scherrer 

Wo(hin) laufen sie denn?

Nicht nur im organisierten Sport, sondern auch allgemein auf der Welt scheint die grosse Orientierungslosigkeit ausgebrochen zu sein. Die Rede ist bei wichtigen Fragen oder bei einschneidenden Problemen nur noch von Chaos, Desorganisation, Destabilität, von Negativspiralen, von Wegen ins Verderben, Fake News, usw.

Fokus Sport: Wer hätte gedacht, dass plötzlich wieder das Thema «Eigenbluttransfusionen» auf’s Tapet kommen würde? Als der grosse «Blutdoping»-Skandal anlässlich der Nordischen Ski-Weltmeisterschaft in Seefeld/Österreich (vom 20. Februar bis 3. März) nach einem (polizeilichen) Schlag längst eliminiert Geglaubtes wieder zu Tage treten liess, stand nicht nur der Sport unter Schock. Das Publikum reibt sich verwundert die Augen und fragt sich, welche Weiterungen die Aufdeckung eines gigantischen Doping-Netzwerkes noch haben wird. Weshalb gerade «Blutdoping», das zur Zeit des Leichtathleten Lasse Viren vor bald 50 Jahren die Integrität des Sportes aufwühlte und seit geraumer Zeit weitgehend als Sport-Historie in Erinnerung ist, obwohl es immer wieder Fälle von Eigenblut-Transfusionen gab? Doch plötzlich ist Dr. Mabuse mit seinen Helfeshelfer/innen wieder mit aller Wucht gegenwärtig; und es ist nicht absehbar, was diese Thematik noch bringen wird – an Geschehenem und an Zukünftigem.

Fokus Politik: Am 29. März 2019 hätte der Austritt Grossbritanniens aus der Europäischen Union (EU) Tatsache werden sollen – mit oder ohne «Deal», also mit einem geregelten oder einem ungeregelten «Brexit». Dass bis zum Redaktionsschluss ein Deal vom englischen Parlament nicht genehmigt worden ist, verwundert nicht. Allerdings muss vor Augen gehalten werden, um was es den renitenten Parlamentarierinnen und Parlamentariern wirklich geht: Zweifellos nicht um die Vereinbarung an sich, sondern kraft Obstruktions darum, im Vereinigten Königreich eine erneute Abstimmung über den «Brexit» zu erzwingen. Die bemitleidenswerte Premierministerin Theresa May wird in dieser Polit-Schlacht zwischen den Fronten regelrecht aufgerieben. In einem zweiten Abstimmungs-Anlauf wäre das Volk dann wohl soweit, um den begangenen Demokratiefehler, der 2017 einzig darin bestand, für einen EU-Austritt Grossbritanniens aus der EU zu votieren, zu korrigieren. Dass das Volk sich in einer Abstimmung nicht so verhält, wie es die Eliten und Meinungsmacher wollen, geht nun wirklich nicht. «Filibusterei» hilft in einem solchen Fall nicht. In einer echten Demokratie ist solange abzustimmen, bis sich das von den Eliten gewünschte Resultat einstellt. Apropos Demokratie: Derzeit scheint sich die Welt daran gewöhnt zu haben, dass ein weiterer Demokratiefehler, der sich kurz vor der «Brexit»-Abstimmung im Vereinigten Königreich in der Vorzeigedemokratie der Welt ereignet hat, nun wohl ausgesessen werden muss, nämlich die Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten. Weil die amerikanischen Eliten, Meinungsmacher und Medien dem gewählten Quereinsteiger nicht beikommen können, scheinen sie sich resignierend auf die Wahlen 2025 zu fokussieren. Sollte er 2021 nicht mehr gewählt werden, wäre das eine Sensation – denn das Volk steht nach wie vor hinter dem zur Polit-Wirklichkeit gewordenen Unternehmer, der im politischen Welttheater offenbar nur einen echten Freund besitzt: Den Raketen-Playboy Kim Jong-un aus Nodkorea. Wieviel in etwa diese Freundschaft wert ist, zeigte sich allerdings nach dem sog. «Zweiten Gipfel» Ende Februar in Vietnam. Weitere Freundinnen und Freunde des mächtigsten Mannes der Welt auf dem politischen Welt-Parkett sind schwer auszumachen; auch die mächtigste Frau Europas, Angela Merkel, hat längst resigniert, wenn es um den Amerikaner mit deutschen Wurzeln und seine Aktivitäten geht.

Apropos «Brexit»: In dieser Nummer von «Causa Sport» befasst sich eine Anlayse schon einmal vorsorglich mit den Folgen des «Brexit» auf den englischen Fussball-Spielermarkt. Wenn CaS 2019 S. 1 (2)«es» dann einmal soweit wäre, würde sich «Causa Sport» selbstverständlich näher mit den verschiedenen Einflüssen einer neuen politischen Situation nach einem allfälligen «Brexit» auf den Sport befassen.

Diese und ähnliche Beispiele lassen einen alten Sketch aktuell werden, der dank Vicco von Bülow, alias Loriot, zur Blüte gekommen ist und im Moment als Sinnbild für gegenwärtige Verzweiflung, das flächendeckende Chaos und die Orientierungslosigkeit auf der Welt dienen kann. «Wo laufen sie denn?» Oder vielleicht wäre noch hinzuzufügen: «Wohin laufen sie denn?». Das Cover dieses Heftes passt demnach zur aktuellen Situation und zur heterogenen Stimmung auf der Welt. Der Sport ist nach wie vor nicht nur ein Abbild unserer Welt in einer turbulenten Zeit, sondern ein bedeutender Teil davon. Wohin geht er? Wohin geht die Welt? Irgendwie wird es weiter gehen …

Prof. Dr. Urs Scherrer Redaktionsleiter «Causa Sport»

 
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