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NUR 2022, 65
Fischedick 

Umsetzung der Klimaschutzziele erfordert mehr Ehrlichkeit

Prof. Dr.–Ing. Manfred Fischedick*

Abbildung 1

Eine hinreichend schnelle Umsetzung der Klimaschutzziele ist nicht ohne einen ehrlichen und offenen Umgang mit den Konflikten und den Zeitkonstanten möglich.

Im Verlauf des Jahres 2021 wurden fünf große Transformationsstudien veröffentlicht, die zeigen, wie Deutschland seine selbstgesteckten Klimaschutzziele erreichen kann. Trotz der unterschiedlichen Auftraggeber sind sie sich in den Ergebnissen und der Analyse weitgehend einig. Kurzgefasst:

  • Die für das Erreichen von Treibhausgasneutralität notwendigen Maßnahmen sind grundsätzlich bekannt und die notwendigen Technologien in den letzten drei Dekaden weitgehend entwickelt worden.

  • Für die Umsetzung der Ziele gibt es kein Königsinstrument, sondern ist das gesamte Portfolio an Klimaschutzstrategien zu nutzen. Anders ausgedrückt: Es gibt wenig Raum für Selektivität.

  • Weitgehende Maßnahmen sind in allen Sektoren schnell und konsequent gefordert – insbesondere in den Bereichen Energiewirtschaft, Verkehr, Gebäude, Industrie und Landwirtschaft.

  • Eine besondere Herausforderung besteht darin, die aus heutiger Sicht als unvermeidbar geltenden Treibhausgasemissionen, wie prozessbedingte Kohlendioxidemissionen der Zementherstellung und Kohlendioxid- und Methanemissionen aus der Landwirtschaft, durch negative Emissionen zu kompensieren. Hierfür bedarf es neuer Technologie wie beispielsweise die Abtrennung von Kohlendioxid aus der Luft.

  • Eine hinreichend schnelle Umsetzung erfordert die Bündelung aller Kräfte und gelingt nur, wenn sich alle relevanten Akteur:innen ihrer Verantwortung bewusst sind und gemeinsam vorangehen.

  • Für die Zielerreichung braucht es massive zusätzliche Investitionen, die sich aber rechnen: u. a. durch eingesparte Energiekosten, verringerte Importrisiken, durch die durch den Wandel ausgelösten Innovations- und Beschäftigungsimpulse sowie vermiedene Schadens- und Anpassungskosten. Die immensen „Kosten des Nichtstuns“ gilt es zu vermeiden.

  • Das Erreichen der Ziele wird nur gelingen, wenn der Transformationsprozess sozialverträglich gestaltet wird und die Menschen auf dem Weg mitgenommen werden, d. h. ihnen Raum zur Mitgestaltung gegeben wird. Dabei geht es um eine echte Trägerschaft und eine Beteiligungskultur statt reiner akzeptanzschaffender Maßnahmen.

Die Liste der heute vorliegenden Erkenntnisse ließe sich noch beliebig fortsetzen. Allein es mangelt bisher an der konsequenten Umsetzung. Zweifelsohne ist das Erreichen der Klimaschutzziele kein Selbstgänger. Grundlegende Voraussetzungen, um aus dem Umsetzungsdilemma herauszukommen, sind zunächst einmal mehr Ehrlichkeit und Transparenz.

Das erfordert ein Eingeständnis, dass die notwendigen Veränderungen für Einzelne zu Zumutungen führen können, und entsprechend die Bereitschaft, die mit der Energiewende verbundenen vielfältigen Konflikte offenzulegen und aktiv Lösungsoptionen zu suchen. Der verstärkte Dialog zwischen Bundesregierung und Vogelschutz-/Naturschutzverbänden und die gemeinsame Suche nach einem möglichst standardisierten Vorgehen für die Bewertung von Windkraftanlagen geht in die richtige Richtung.

Erforderlich ist aber ein weiteres Eingeständnis, nämlich die Anerkennung von Zeitkonstanten, die es zu überwinden gilt. Dies betrifft u. a. die Frage, wie schnell die langen Planungs- und Genehmigungszeiten substantiell verringert werden können, wie schnell die fehlenden Handwerker:innenkapazitäten ausgeglichen werden können, wie schnell der regulatorische Rahmen verändert werden kann, d. h. ein vollständig neues Marktdesign im Energie- und Strommarkt geschaffen werden kann, und wie schnell Verhaltensroutinen geändert werden können. Entscheidend ist aber auch, ob es gelingt, das Präventionsparadoxon zu überwinden, d. h. die Diskrepanz zwischen dem Wissen über die Risiken und die Folgen des Klimawandels einerseits sowie der Bereitschaft zu schnellem und konsequentem Handeln andererseits.

*

Wissenschaftlicher Geschäftsführer des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt, Energie gGmbH.

 
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