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CAS 2018, 357
Scherrer 

Dem Sport sei Dank: Mauern bauen, Mauern überwinden

Soll man zum Jahreswechsel das Vergangene Revue passieren lassen oder sich mit dem Zukünftigen auseinandersetzen? Üblicherweise geschieht beides. Wer zurückschaut oder sich mit der Zukunft beschäftigt, knüpft sinnvollerweise an der Gegenwart an. Diese Bestandesaufnahme ist rasch vorgenommen: 2018 hat sich die allgemeine Weltlage nicht stark verändert. Es war und ist wie immer – vielleicht ab und zu etwas schlimmer. Die Menschheit hat es immer noch nicht geschafft, allen Menschen auf diesem Planeten ein menschenwürdiges Dasein zu ermöglichen. Nach wie vor herrschen Krieg, Vertreibung, Hunger, Elend, usw. Die Politik bemüht sich, davon abzulenken, dass Politikerinnen und Politiker vor allem ihr eigenes Wohlbefinden im Auge haben. So wird durchwegs in politischen, Meinungsbildungs- und Umsetzungsprozessen fleissig an den «neuen Kleidern», welche die Welt zwar nicht schöner, aber die Menschen vor allem in den Hoffnungszustand versetzen, gewoben. Mit den «Kaiserinnen» und «Kaisern» dieser Welt im Zentrum. Was nicht verwunderlich ist; sie sind natürlich nichts anderes als die Abbilder einer «Ich»-Gesellschaft, was sich letztlich in der «Selfie»-Kultur manifestiert: «Ich» mit dem Eifelturm im Hintergrund zum Beispiel. In diesem Jahr wurde dem kritischen Betrachter des unsäglichen Treibens auf der Welt insbesondere vor Augen geführt, dass die demokratische Staatsform vielleicht doch nicht das selig machende System darstellt. Zwar hat die Welt erkannt (und weitgehend knurrend akzeptiert), dass etwa der amerikanische Präsident ein Produkt der hochgepriesenen Demokratie in USA ist – nur wird unter Demokratie trendmässig etwas anderes verstanden: Nämlich das, was sich die, die sich Eliten nennen oder diese zu sein glauben, darunter vorstellen. Der US-Präsident erfüllt diese Vorgabe natürlich nicht, auch wenn er getrost einer zweiten Amtsperiode entgegen blicken darf. «Fake»-Demokratie weitgehend anders verstanden, nennt sich das. Millionen Amerikaner können also auch irren – das Gegenteil ist widerlegt. Entsprechend hat sich in diesen politischen Umfeldern die Medienlandschaft entwickelt. Die Medienschaffenden sind weitgehend mit sich selber beschäftigt und kehren die Scherben, die sie dank ihrer Fehleinschätzungen verursacht haben, zusammen. Den etablierten Medien sterben eh die Kundinnen und Kunden weg.

In diesem Rahmen hat sich 2018 der Sport positioniert. Zwei Grossereignisse sind vorbei und weitgehend bereits vergessen: Die Olympischen Winterspiele in Pyeongchang (die besten Olympischen Spiele, die es je gab) und die Fussball-WM-Endrunde in Russland (die beste WM-Endrunde, die es je gab). Längst beherrscht der Klub-Fussball wieder die Szene; nur in den Chefetagen gewichtiger Fussball-Nationalverbände werden immer noch Wunden geleckt. Der Weltfussballverband (für den Nationalmannschafts-Fussball zuständig) und der Europäische Fussball-Kontinentalverband (als Gralshüter des lukrativen Klubfussballs) überbieten sich derzeit in Projekten für Meisterschaften und Wettbewerbe jedwelcher Art und «grasen» gegenseitig in den gegnerischen Umfeldern. Was hier noch alles auf die Konsumentinnen und Konsumenten zukommen wird, kann nur geahnt werden – aus Trainingsbetrieben lässt sich letztlich ebenfalls noch eine Liga schaffen. Auch wenn die Kommerzialisierung des Sports immer weiter getrieben wird (mehr, intensiver, lukrativer), funktioniert der moderne, organisierte Sport, insbesondere der Fussball, immer noch nach der grundsätzlichen Trilogie: Fussball, Fernsehen, Flaschenbier. Dieser Grundsatz soll nicht gestört werden. Es müsste sogfältig abgewogen werden, was dem Sport-Konsumenten (noch) zugemutet werden kann.

Der Sport mit seinen «Kleidern» hat ein nicht ganz einfaches Jahr hinter sich. «Football Leaks» nennt sich die Enthüllungs-Show, die von den Medien, weitgehend folgenlos, zelebriert wird. Der organisierte Sport ist als Konglomerat von Lug, Betrug und Machtspielen – angereichert mit ein bisschen Sodom und Gomorra – transparent geworden. So ist einer der weltbesten Fussballspieler, Cristiano Ronaldo, ins Fadenkreuz der Enthüller geraten. Es ist klar, dass er «hat», unklar ist aber, wie er «hat». Das mutmassliche Opfer und der Fussballstar hatten und haben offenbar einen Dissens bezüglich dem, was gewollt war und was schliesslich geschah. Es kann sein, dass Cristiano Ronaldo noch in die Fängen der unberechenbaren US-Justiz gerät; der derzeit am Kochen gehaltene Skandal um den Fussball-Star, der heuer aus nicht ganz eindeutigen Gründen von Spanien nach Italien wechselte und dem die Enthüllung von «Football Leaks» kaum etwas anhaben kann, wird weiter ausgebreitet, auch wenn am Schluss wohl nur die Erkenntnis bleibt: Sexuelle Eskapaden machen aus einem Gott auf dem Fussballfeld keinen Über-Gott. Doch Helden werden gefeiert und bleiben unantastbar – auch wenn sie unappetitliche Geschichten produzieren.

Womit zur Zukunft übergeleitet wäre: Es braucht keine visionären Begabungen, um die Prognose zu wagen, dass die künftigen Entwicklungen im Sport analog zu denjenigen in der Gesellschaft verlaufen werden. Die Kommerzialisierung wird fortschreiten, und er dürfte wohl erst mit der Beendigung des Turmbaus zu Babel, wie es Pieter Bruegel d. Ä. bereits im 16. Jahrhundert im wahrsten Sinne des Wortes vorgezeichnet hat, eine Kehrtwende erfahren. Doch geziemt es sich, trotz allem positiv in die Zukunft zu blicken. Der Sport ist letztlich doch eine wunderbare Angelegenheit – und er überbrückt alle menschlich bedingten Unwegsamkeiten. So darf mit Genugtuung zurückgeblickt werden, dass der FIFA-Kongress die WM-Endrunde 2026 an die USA, an Mexiko und an Kanada vergeben hat. Ja, richtig, an die USA und an Mexiko. Es dürfte den Fussball nicht gross stören, wenn zwischen den USA und Mexiko bis spätestens 2026 der angekündigte Mauerbau an der Grenze zwischen den USA und Mexiko beendet sein wird – von Mexiko selbstverständlich grosszügig bezahlt. Der Sport wird auch künftig jeden Mauerbau überwinden!

In diesem Sinne, wünschen wir Ihnen ein positives, interessantes (Sport-)Jahr 2019! «Causa Sport» bleibt dran…

Dr. iur. Urs Scherrer Redaktionsleiter «Causa Sport»

 
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