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EWS 1999, 48
Cremer, Wolfram 
Cremer, Wolfram
Nichtigkeitsklagen einzelner gegen Rechtsakte der Gemeinschaft: Klagegegenstand und Klagebefugnis nach Art. 173 EGV

EWS 1999, 48 (Heft 2)
I. VorbemerkungEuGH und EuG haben in jüngerer Zeit sowohl bezüglich des zulässigen Klagegegenstandes als auch hinsichtlich der Klagebefugnis einzelner nach Art. 173 Abs. 41Art. ohne weitere Angaben sind im folgenden solche des EGV. EGV2Nach dem Vertrag von Amsterdam firmiert die Norm textlich unverändert als Art. 230 Abs. 4. Art. 173 erfährt durch den Vertrag von Amsterdam inhaltlich nur in seinem Abs. 3 eine Veränderung. Dort wird nach den Worten »des Europäischen Parlaments« »des Rechnungshofs« eingefügt. neue Akzente gesetzt, die zu einer bedeutsamen Erweiterung des Rechtsschutzes einzelner gegen Rechtsakte der Gemeinschaftsorgane geführt haben. Diese Rechtsprechung wird hier nachgezeichnet, systematisiert und gewürdigt, wobei die Modifikationen in der Auslegung von Art. 173 Abs. 43Vor dem Vertrag von Maastricht Art. 173 Abs. 2 EWGV. durch ein kursorisches Eingehen auf die ältere Judikatur des EuGH illustriert werden.II. Klagegegenstand nach Art. 173 Abs. 4Ein zulässiger Klagegegenstand nach Art. 173 Abs. 4 liegt zunächst - wie nach Abs. 1 - nur im Falle einer rechtlich existenten Gemeinschaftshandlung mit Außenwirkung4Ein »Nichtakt« liegt in Abgrenzung zu »nur« fehlerhaften, rechtswidrigen Akten dann vor, wenn eine Handlung mit besonders schweren und offensichtlichen Fehlern behaftet ist, vgl. EuGH, 21. 2. 1974 - verb. Rs. 15-33, 52, 53, 57-109, 116, 117, 123, 132 und 135-137/73, Slg. 1974, 177 Rn. 10 (Kortner/Rat, Kommission und EP); EuG, 27. 2. 1992 - verb. Rs. T-79/89 u. a., Slg. 1992, II-318, Rn. 68 (BASF/Kommission); EuGH, 15. 6. 1994 - Rs. C-137/92 P, Slg. 1994, I-2255, Rn. 49 (Kommission/BASF); 29. 6. 1995 - Rs. C-135/93, Slg. 1995, I-1651, Rn. 18 (Spanien/Kommission); vgl. zur notwendigen Außenwirkung, EuGH, 27. 3. 1980 - Rs. 139/79, 1299, Rn. 15 (Sucrimex und Westzucker/Kommission); 11. 11. 1981 - Rs. 60/81, Slg. 1981, 2639, Rn. 9 (IBM/Kommission); 17. 10. 1984 - Rs. 135/84, Slg. 1984, 3577, Rn. 6 (F.B./Kommission); 8. 3. 1991 - Rs. C-66/91 und C-66/91 R, Slg. 1991, I-1143, Rn. 26 (Emerald Meats/Kommission); 13. 6. 1991 - Rs. C-50/90, Slg. 1991, I-2917, Rn. 12 (Sunzest/Kommission); 16. 6. 1993 - Rs. C-325/91, Slg. 1993, I-3283, Rn. 9 (Frankreich/Kommission); 20. 3. 1997 - Rs. C-57/95, Slg. 1997, I-1627, Rn. 7 (Frankreich/Kommission); 31. 3. 1971 - Rs. 22/70, Slg. 1971, 263, Rn. 42 (Kommission/Rat); EuG, 16. 4. 1997 - Rs. T-541/93, Slg. 1997, II-549, Rn. 30 (Connaughton u. a./Rat). vor, die einem Gemeinschaftsorgan oder der EZB (EWI) zuzurechnen5Vgl. dazu EuGH, 25. 10. 1972 - Rs. 96/71, Slg. 1972, 1005, Rn. 5/8 und 9/13 (Haegeman/Kommission); 6. 3. 1979 - Rs. 92/78, Slg. 1979, 777, Rn. 27-30 (Simmenthal/Kommission); 10. 6. 1982 - Rs. 217/81, Slg. 1982, 2200, Rn. 8 f. (Interagra/Kommission); 28. 6. 1993 - Rs. C-64/93, Slg. 1993, I-3595, Rn. 13-16 (Donatab/Kommission). ist. Anders als bei Klagen der Gemeinschaftsorgane und -einrichtungen im Sinne des Art. 173 Abs. 2 und 3 ist der Klagegegenstand bei Individualklagen aber nach dem Wortlaut von Abs. 4 auf an den Kläger gerichtete Entscheidungen sowie auf Entscheidungen beschränkt, die, obwohl sie formell als Verordnung (sog. »Scheinverordnungen«) oder als an andere Personen gerichtete Entscheidung ergangen sind, ihn unmittelbar und individuell betreffen6Vgl. zu dieser Formulierung auch EuGH, 14. 12. 1962 - verb. Rs. 16 und 17/62, Slg. 1962, 963, 977 f. (Confédération Nationale des Producteurs de fruits et légumes/Rat der EWG).. Zunächst wird erörtert, ob neben Entscheidungen und »Scheinverordnungen« auch »echte« Verordnungen im Sinne von Art. 189 Abs. 27Nach dem Vertrag von Amsterdam Art. 249., Richtlinien im Sinne von Art. 189 Abs. 3 und in der Form von Richtlinien ergangene Entscheidungen (»Scheinrichtlinien«) zulässiger Gegenstand einer Klage nach Abs. 4 sind.1. Anfechtbarkeit von »echten« Verordnungena) Ältere Rechtsprechung des EuGHAusgehend vom Wortlaut des Art. 173 Abs. 2 EWGV - unverändert in Art. 173 Abs. 4 - hat der EuGH im Jahre 1962 judiziert, daß natürliche und juristische Personen »nicht zur Erhebung von Anfechtungsklagen gegen Verordnungen (...) befugt sind«8EuGH, 14. 12. 1962 (Fn. 6), 978 (Confédération Nationale des Producteurs de fruits et légumes/Rat der EWG).. Es sei »undenkbar, daß der Ausdruck Entscheidung im Artikel 173 in einem anderen als dem sich aus Artikel 189 ergebenden technischen Sinne gebraucht sei«9So bzgl. des Wortlauts allg. Meinung, vgl. nur F. von Burchard, Der Rechtsschutz natürlicher und juristischer Personen gegen EG-Richtlinien gem. Artikel 173 Abs. 2 EWGV, EuR 1991, 140, 142 m. w. N.. Lediglich, wenn es sich nach Inhalt und Gegenstand um eine Entscheidung und mithin um eine »Scheinverordnung« handle, könne eine Klage nach Abs. 4 zulässig sein10EuGH, 14. 12. 1962 (Fn. 6), 978 (Confédération Nationale des Producteurs de fruits et légumes/Rat der EWG). Von dieser klaren Position11Anknüpfend an EuGH, 14. 12. 1962 (Fn. 6) noch EuGH, 5. 5. 1977 - Rs. 101/76, Slg. 1977, 797, Rn. 8/11 und Rn. 20 ff. (Koninklijke Scholten Honig NV/Rat und Kommission). haben EuGH und EuG in der Folgezeit Abstand genommen12Vgl. schon EuGH, 11. 11. 1981 (Fn. 4), Rn. 9 (IBM/Kommission)..b) Neuere Rechtsprechung von EuGH und EuGAnknüpfend an eine (zunächst vermeintlich) bereichsspezifische Judikatur des Gerichtshofs zum Antidumpingrecht13EuGH, 21. 2. 1984 - verb. Rs. 239 und 275/82, Slg. 1984, 1005, implizit in Rn. 11 (Allied Corporation/Kommission); 23. 5. 1985 - Rs. 53/83, Slg. 1985, 1621, implizit in Rn. 4 f. (Allied Corporation/Rat); 16. 5. 1991 - Rs. C-358/89, Slg. 1981, I-2501, Rn. 13, 16 (Extramet Industrie/Rat); vgl. dazu auch H.-J. Rabe, Rechtsschutz im Außenwirtschaftsrecht der EG, EuR 1991, 236, 240 f.; G. Nicolaysen, Europarecht I, S. 187. haben EuGH und EuG in jüngeren Entscheidungen neue Akzente gesetzt14So bzgl. des Codorniu-Urteils auch J. D. Cooke, Conflict of principle and Pragmatism - Locus standi under Article 173 (4) ECT, Vorträge, Reden und Berichte aus dem Europa-Institut - Sektion Rechtswissenschaft - Nr. 353, 1996, S. 28.. Danach kann eine Vorschrift, die »im Hinblick auf die Kriterien des Artikels 173 Abs. 2 des Vertrages15Urteil bezog sich auf den EWGV. nach ihrer Rechtsnatur und ihrer Tragweite normativen Charakter16Der Begriff »normativer Charakter« beschreibt nach der Terminologie des EuGH den Verordnungscharakter einer Maßnahme. (hat), da sie für die beteiligten Wirtschaftsteilnehmer im allgemeinen gilt«, »einige von ihnen individuell betreffen«17EuGH, 18. 5. 1994 - Rs. C-309/89, Slg. 1994, I-1853, Rn. 19 (Codorniu SA/Rat); bestätigt in: EuG, 11. 1. 1995 - Rs. T-116/94, Slg. 1995, II-1, Rn. 26 (Cassa nationale di previdenza ed assistenza a favore degli avvocati e procuratori/Rat); 14. 9. 1995 - verb. Rs. T-480 und T-483/93, Slg. 1995, II-2310, Rn. 66 (Antillean Rice Mills NV u. a./Kommission); EuGH, 23. 11. 1995 - Rs. C-10/95 P, Slg. 1995, I-4149, Rn. 43 (Asocarne/Rat); EuG, 9. 4. 1997 - Rs. T-47/95, Slg. 1997, I-481, Rn. 43 (Terre Rouge Consultant SA u. a./Kommission).. Ungeachtet der Qualifizierung der angegriffenen Maßnahme als Verordnung hat der Gerichtshof Klagen einzelner - nach Bejahung des individuellen und unmittelbaren Betroffenseins - dann auch mehrfach als zulässig qualifiziert18EuGH, 18. 5. 1994 (Fn. 17), Rn. 20 ff. (Codorniu SA/Rat); 16. 5. 1991 (Fn. 13), Rn. 17 (Extramet Industrie/Rat); vgl. zum Antidumpingrecht bereits 23. 5. 1985 (Fn. 13), implizit in Rn. 5; 21. 2. 1984 (Fn. 13), implizit in Rn. 12 ff. (Allied Corporation/Rat)..Dabei stellt die Gemeinschaftsgerichtsbarkeit bei der Abgrenzung zwischen Entscheidung und Verordnung in Zweifelsfällen nicht mehr - wie in wenigen frühen Judikaten - maßgeblich auf die Bestimmbarkeit des betroffenen Personenkreises ab19Vgl. zu Urteilen, in denen der EuGH maßgeblich auf die Bestimmbarkeit des Personenkreises abgehoben hat, EuGH, 14. 12. 1962 (Fn. 6), 978 f. (Confédération Nationale des Producteurs de fruits et légumes/Rat der EWG); 13. 5. 1971 - verb. Rs. 41-44/70, Slg. 1971, 411, Rn. 16/22 (Fruit Company/Commission); 29. 3. 1979 - Rs. 113/77, Slg. 1979, 1185, Rn. 11 (NTN Toyo Bearing Company/Rat).; mittlerweile entspricht es gefestigter Rechtsprechung20Mit dieser Einschätzung auch K. Klüpfel, Zur Anfechtbarkeit von Richtlinien durch nicht-privilegierte Kläger, EuZW 1996, 393, 393 f. Vgl. zu abweichenden Deutungen der Rechtsprechung zur Abgrenzung von Verordnung und Entscheidung L. Allkemper, Der Rechtsschutz des einzelnen nach dem EG-Vertrag, 1995, S. 58 ff.; C. Koenig/C. Sander, Einführung in das EG-Prozeßrecht, 1997, Rn. 266., daß die Identifizierung der von der Maßnahme betroffenen Personen nach Zahl und Identität nichts am Verordnungscharakter ändert, solange nur eine »objektive Rechts- oder Sachlage« geregelt wird21EuGH, 14. 9. 1995 (Fn. 17), Rn. 65 (Antillean Rice Mills NV u. a./Kommission); EuGH, 30. 9. 1982 - Rs. 242/81, Slg. 1982, 3213, Rn. 7 (Roquette Frères/Rat); 17. 6. 1980 - verb. Rs. 789 und 790/79, Slg. 1980, 1949, Rn. 9 (Calpak/Kommission); 26. 2. 1981 - Rs. 64/80, Slg. 1981, 693, Rn. 7 (Guiffrida und Campogrande/Rat); 25. 3. 1982 - Rs. 45/81, Slg. 1982, 1129, Rn. 17 (Moksel/Kommission); 6. 10. 1982 - Rs. 307/81, Slg. 1982, 3463, Rn. 11 (Alusuisse/Rat und Kommission); 26. 4. 1988 - verb. Rs. 97, 193, 99 und 215/86, Slg. 1988, 2200, Rn. 12 (Asteris/Kommission); 18. 5. 1994 (Fn. 17), Rn. 18 (Codorniu SA/Rat); ähnlich EuGH, 28. 3. 1996 - Rs. C-270/95 P, Slg. 1996, I-1987, Rn. 13 (Cristina Kik/Rat und Kommission); 11. 7. 1968 - Rs. 6/68, Slg. 1968, 612, 621 (Zuckerfabrik Watenstedt/Rat); bzgl. Richtlinien: EuGH, 29. 6. 1993 - Rs. C-298/89, Slg. 1993, I-3605, Rn. 17 (Gibraltar/Rat); 23. 11. 1995 (Fn. 17), Rn. 30 (Asocarne/Rat)..Während die Gemeinschaftsgerichtsbarkeit also in mehreren Entscheidungen anerkannt hat, daß einzelne individuell Betroffene auch materielle Verordnungsbestimmungen anfechten können22Vgl. auch EuGH, 26. 11. 1996 - Rs. C-68/95, Slg. 1996, I-6065, Rn. 59 (T. Port/Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung), wonach Abs. 4 es dem einzelnen erlaube, »Nichtigkeitsklage gegen einen Rechtsakt zu erheben, der zwar nicht an ihn gerichtet ist, ihn aber unmittelbar und individuell betrifft«. Zudem finden sich Judikate, die sich bzgl. der Zulässigkeit von Klagen einzelner ausschließlich mit der individuellen Betroffenheit des Klägers befassen und diese verneinen, ohne die als Verordnung ergangenen Maßnahmen in den Katalog der Rechtsakte nach Art. 189 einzuordnen, vgl. nur EuGH, 15. 2. 1996 - Rs. C-209/94 P, Slg. 1996, I-615, Rn. 22 ff. (Buralux u. a./Rat)., hat das EuG im Urteil Exporteurs in Levende Varkens daran anschließend die These aufgestellt, daß »eine Gemeinschaftshandlung also gleichzeitig eine generelle Norm und in bezug auf bestimmte betroffene Wirtschaftsteilnehmer eine Entscheidung sein kann«23EuG, 13. 12. 1995 - Rs. T-481/93 und T-484/93, Slg. 1995, II-2941, Rn. 50 (Vereniging van Exporteurs in Levende Varkens u. a./Kommission); ebenso EuG, 9. 4. 1997 (Fn. 17), Rn. 43 (Terre Rouge Consultant SA/Kommission). Bereits im Urteil Codorniu erkennt J. D. Cooke (Fn. 14), S. 28, diese Konzeption..c) StellungnahmeDie skizzierte jüngere Rechtsprechung, welche eine Anfechtbarkeit auch »echter« Verordnungen zuläßt, ist unter Rechtsschutzgesichtspunkten begrüßenswert24Der Rechtsprechung zur Anfechtbarkeit auch »echter« Verordnungen zustimmend D. Waelbroek/D. Fosselard, Annotation to Joined Cases T-480/93 and T-483/93, Antillean Rice Mills, CMLRev. 1996, S. 811, 817; GA C. O. Lenz, Schlußanträge zu EuGH, 27. 10. 1992 - Rs. C-309/89, Slg. 1994, I-1853, 1856, Ziff. 25-27 und 37 (Codorniu/Rat); sympathisierend auch J. D. Cooke (Fn. 14), S. 28 f. Vgl. zur in den sechziger Jahren de constitutione ferenda mehrfach erhobenen Forderung nach einer Anerkennung auch »echter« Verordnungen als zulässiger Gegenstand der Nichtigkeitsklage natürlicher und juristischer Personen: O. Riese, Über den Rechtsschutz innerhalb der Europäischen Gemeinschaften, EuR 1996, 24, 35 f.; J. Kropholler, Die Europäischen Gemeinschaften und der Grundrechtsschutz, EuR 1969, 128, 144. Zum damaligen Diskussionsstand: H.-J. Rabe, Über den Rechtsschutz innerhalb der Europäischen Gemeinschaften, EuR 1966, 69, 70; P. Rabels, Empfiehlt es sich, die Bestimmungen des Europäischen Gemeinschaftsrechts über den Rechtsschutz zu ändern und zu ergänzen? - Bericht über die Verhandlungen der europarechtlichen Arbeitsgemeinschaft des 46. Deutschen Juristentages, EuR 1966, 367, 370.; eine solche Auslegung von Art. 173 Abs. 4 begegnet angesichtsseines Wortlauts aber durchgreifenden Bedenken. Ob die Voraussetzungen für eine Analogie vorliegend bereits zu bejahen sind, weil schützenswerte Interessen oder Rechte des einzelnen beim derzeitigen Stand des Gemeinschaftsrechts nicht allein deshalb eine unterschiedliche Behandlung erfahren dürfen, weil die Maßnahme der Rechtsnatur nach eine Verordnung und keine Entscheidung darstellt25So GA C. O. Lenz (Fn. 24), Ziff. 26 f., erscheint jedenfalls zweifelhaft26Vgl. zum Verhältnis von Analogie und Umkehrschluß, welcher bei Schweigen des Gesetzestextes rein logisch ebenfalls möglich ist: K. Larenz, Methodenlehre der Rechtswissenschaft, 6. Aufl., 1991, S. 390 f.; F. Bydlinski, Juristische Methodenlehre und Rechtsbegriff, 2. Aufl., Wien/New York, 1991, S. 476 f.; K.-W. Canaris, Die Feststellung von Lücken im Gesetz, 2. Aufl., 1983, S. 44.. Insoweit ist jedenfalls zu berücksichtigen, daß der einzelne sich bei Zuwiderhandlungen gegen Verordnungen, die ihm sanktionsbewehrte Verhaltenspflichten auferlegen, gegenüber der Sanktion gem. Art. 18427Nach dem Vertrag von Amsterdam Art. 241. mit der Inzidentrüge auf die Ungültigkeit der Verordnung berufen kann28Insoweit ist allerdings problematisch, ob ihm das Risiko, daß die sanktionsbewehrte Verordnungsnorm gültig ist, zumutbar ist.. Die These des EuG vom Hybridcharakter einer Maßnahme vermag methodisch ebenfalls nicht zu überzeugen. Zuständigkeit, Verfahren und zu beachtende Formvorschriften hängen nicht selten von der eindeutigen Qualifizierung der Rechtsnatur des zu verabschiedenden Aktes ab.2. Anfechtbarkeit von RichtlinienDie Anfechtbarkeit von Richtlinien durch natürliche und juristische Personen war in den letzten Jahren Gegenstand mehrerer Urteile von EuGH und EuG29EuGH, 7. 12. 1988 - Rs. 160/88, Slg. 1988, 6399 (Fédération européenne de la santé animale u. a./Rat); 29. 6. 1993 (Fn. 21), Rn. 17 (Gibraltar/Rat); EuG, 20. 10. 1994 - Rs. T-99/94, Slg. 1994, II-871 (Asocarne/Rat); EuGH, 23. 11. 1995 (Fn. 17), Rn. 43 (Asocarne/Rat). und hat auch in der Literatur zunehmend Beachtung gefunden30F. von Burchard (Fn. 9), 142 ff.; ders., Anm. zu EuG, Rs. T-99/94 vom 20. 10. 1994, EuZW 1995, 255; K. Klüpfel (Fn. 20), 393 ff.; U. Everling, Brauchen wir »Solange III«?, EuR 1990, 195, 210; vgl. bereits E. W. Fuß, Die »Richtlinie« des Europäischen Gemeinschaftsrechts, DVBl. 1965, 378, 382; H.-W. Daig, Zum Klagerecht von Privatpersonen nach Art. 173 Abs. 2 EWG, 146 Abs. 2 EAG-Vertrag, in: FS Riese, 1964, 187, 200; M. Zuleeg, Die Rechtswirkung europäischer Richtlinien, ZGR 1980, 466, 482.. Dabei wird im folgenden zwischen »echten« Richtlinien im Sinne von Art. 189 Abs. 3 und in der Form von Richtlinien ergangenen Entscheidungen (»Scheinrichtlinien«) differenziert. Ausgangspunkt der Diskussion ist der Wortlautbefund des Art. 173 Abs. 4, wo die Anfechtbarkeit von Richtlinien durch einzelne nicht vorgesehen ist31Dies ist unstreitig, vgl. nur K. Klüpfel (Fn. 20), 393; F. von Burchard (Fn. 9), 142..a) Darstellung und Würdigung der Rechtsprechung von EuGH und EuGDie Rechtsprechung läßt zu der Frage, ob in der Form von Richtlinien ergangene Entscheidungen (»Scheinrichtlinien«) oder gar »echte« Richtlinien ein zulässiger Gegenstand der Anfechtungsklage von natürlichen und juristischen Personen sein können, keine konsistente Konzeption erkennen.In der Rechtssache Fedesa hat der EuGH die Frage ausdrücklich offengelassen32Der Rat hatte sich insbesondere auf die Unanfechtbarkeit der Richtlinie und nur hilfsweise auf die fehlende unmittelbare und individuelle Betroffenheit gestützt, vgl. EuGH, 7. 12. 1988 (Fn. 29), Rn. 6 f. (Fédération européenne de la santé animale u. a./Rat). und die Unzulässigkeit auf die fehlende individuelle Betroffenheit der Klägerinnen gestützt33EuGH, 7. 12. 1988 (Fn. 29), Rn. 13 (Fédération européenne de la santé u. a./Rat).. Im Urteil Gibraltar lehnte der EuGH die Zulässigkeit der Klage unter Hinweis auf die »allgemeine Geltung« des als Richtlinienbestimmung verabschiedeten Gemeinschaftsakts34In Frage stand lediglich Art. 2 Abs. 2 der Richtlinie 89/463/EWG des Rates vom 18. 7. 1989, ABlEG 1989 Nr. L 226/14. ab35EuGH, 29. 6. 1993 (Fn. 21), Rn. 15 ff., insbesondere Rn. 23 (Gibraltar/Rat).. Auf eine etwaige individuelle Betroffenheit der Regierung von Gibraltar ging der EuGH nicht mehr ein. Diese Vorgehensweise - Prüfung der (wahren) Rechtsnatur des als Richtlinienbestimmung verabschiedeten Gemeinschaftsakts - legt nahe, daß der EuGH die Anfechtbarkeit von »Scheinrichtlinien« anerkennt, während die Anfechtbarkeit von »echten« Richtlinienbestimmungen nach diesem Urteil auszuschließen ist. Andernfalls hätte der Gerichtshof nämlich auf die unmittelbare und individuelle Betroffenheit eingehen müssen36Mit anderer Einschätzung zu diesem Urteil: K. Klüpfel (Fn. 20), S. 393..In der Rechtssache Asocarne hat das EuG die Anfechtbarkeit von Richtlinien und von Entscheidungen, die als Richtlinien ergangen sind, ausdrücklich abgelehnt37EuG, 20. 10. 1994 (Fn. 29), Rn. 17 (Asocarne/Rat).. Wohl mit Blick auf ein mögliches Rechtsmittel hat es sodann aber geprüft, ob eine in Form einer Richtlinie ergangene Entscheidung vorliegt und nach Verneinung dieser Frage38EuG, 20. 10. 1994 (Fn. 29), Rn. 18 (Asocarne/Rat). »hilfsweise« auch eine individuelle Betroffenheit der Klägerinnen geprüft und abgelehnt39EuG, 20. 10. 1994 (Fn. 29), Rn. 19-21 (Asocarne/Rat)..Der EuGH ist in der Rechtsmittelentscheidung zu diesem Beschluß nicht ausdrücklich auf die Frage eingegangen, ob Richtlinien oder jedenfalls als Richtlinien ergangene Entscheidungen zulässiger Gegenstand einer Klage nach Abs. 4 sein können. In Übereinstimmung mit dem EuG hat er das Vorliegen einer »verschleierten« Entscheidung (»Scheinrichtlinie«) aber abgelehnt und sodann festgestellt, daß das Gericht daher nicht zu prüfen brauchte, »ob Richtlinien für die Entscheidung über die Zulässigkeit einer Klage natürlicher oder juristischer Personen gegen eine als Richtlinie ergangene Entscheidung Verordnungen gleichgesetzt werden können«40EuGH, 23. 11. 1995 (Fn. 17), Rn. 32 (Asocarne/Rat).. Diese Feststellung des EuGH überrascht einerseits deshalb, weil das EuG diese Frage eben doch geprüft und explizit verneint hatte41Vgl. EuG, 20. 10. 1994 (Fn. 29), Rn. 17.. Zum anderen wird nicht recht klar, warum der EuGH einerseits konstatiert, daß das EuG eine Gleichbehandlung von Verordnung und Richtlinie nicht zu prüfen brauchte, wenn feststeht, daß keine »verschleierte« Entscheidung vorliegt, dann aber selbst die individuelle Betroffenheit ausführlich diskutiert42EuGH, 23. 11. 1995 (Fn. 17), Rn. 35 ff. (Asocarne/Rat).. Eine solche Prüfung war nach Ablehnung einer »verschleierten« Entscheidung streng genommen nur geboten, wenn der Gerichtshof entgegen seinem Urteil Gibraltar auch die Anfechtbarkeit »echter« Richtlinien für möglich hält. Erscheint eine solche Interpretation zu »kühn«, bliebe nur der Ausweg, die Ausführungen des EuGH als gutachterliche Stellungnahme oder obiter dictum zu qualifizieren. Eine solche Annahme kontrastierte aber wiederum mit der Entschiedenheit, mit der der Gerichtshof abschließend feststellt, die unmittelbare Betroffenheit »braucht daher nicht mehr geprüft zu werden«43EuGH, 23. 11. 1995 (Fn. 17), Rn. 45 (Asocarne/Rat)..Als Resümee läßt sich festhalten, daß entgegen dem Diktum des EuG in der Rechtssache Asocarne wenig dafür spricht, daß der EuGH in der Form von Richtlinien ergangene Entscheidungen (»Scheinrichtlinien«) nicht für zulässige Gegenstände von Klagen natürlicher und juristischer Personen hält. Seit der vielschichtigen Rechtsmittelentscheidung des EuGH in der Rechtssache Asocarne muß zudem auch die Frage als offen gelten, ob Art. 173 Abs. 4 auch die Anfechtbarkeit »echter« Richtlinien zuläßt.b) StellungnahmeIn der Literatur ist umstritten, ob Richtlinien bzw. »Scheinrichtlinien« einen zulässigen Klagegegenstand nach Abs. 4 bilden44Insgesamt ablehnend: M. Zuleeg (Fn. 30), 482; G. Bebr, The reinforcement of the constitutional review of community acts under Article 177 EEC Treaty, CMLRev. 1988, 667, 685. Für eine Anfechtbarkeit von Richtlinien bzw. »Scheinrichtlinien« (es wird nicht immer differenziert): U. Everling (Fn. 30), 210; H.-W. Daig, Nichtigkeits- und Untätigkeitsklagen im Recht der Europäischen Gemeinschaften, 1985, S. 33; E. W. Fuß (Fn. 30), 382; F. von Burchard (Fn. 9), 143 ff.; ders. (Fn. 30), 256.. Lange Zeit wurde ein derartiges Bedürfnis mit dem Argument abgelehnt, daß Richtlinien dem zur Umsetzung verpflichteten Mitgliedstaat nach Art. 189 Abs. 3 stets ein Umsetzungsermessen einräumen, somit selbst (noch) keine Pflichten des einzelnen begründen und ihn folglich jedenfalls nicht unmittelbar betreffen können45Vgl. nur M. Zuleeg (Fn. 30), 482.. Entgegen der Konzeption des Vertrages kennt das sekundäre Gemeinschaftsrecht aber auch Richtlinien, die den Mitgliedstaaten bei der Umsetzung kaum oder gar keine Entscheidungsspielräume einräumen.Vorbehaltlich des Unmittelbarkeitskriteriums sollte die Rechtsprechung angesichts der Schwächen des mitgliedstaatlichen Rechtsschutzes46Vgl. dazu F. von Burchard (Fn. 9), 145. jedenfalls die Angreifbarkeit von »Scheinrichtlinien« durch einzelne zulassen, wenn sie von der Richtlinie individuell betroffen sind47Vgl. zu den Gründen ausführlicher F. von Burchard (Fn. 9), 143 ff.. Insoweit gebietet die ratio legis von Abs. 4 angesichts der Angreifbarkeit von »Scheinverordnungen« eine analoge Anwendung der Norm. Bezüglich der Angreifbarkeit »echter« Richtlinien durch einzelne bestehen dagegen die gleichen methodischen Bedenken wie bezüglich der Angreifbarkeit »echter« Verordnungen48Vgl. oben II.1.c..III. Individuelles Betroffensein nach Art. 173 Abs. 4Eine Klagebefugnis nach Art. 173 Abs. 4 setzt voraus, daß eine Maßnahme den Kläger unmittelbar und individuell betrifft. Dies ist unproblematisch, soweit der Kläger Adressat einer ihn beschwerenden Entscheidung ist49Vgl. nur EuGH, 11. 5. 1989 - verb. Rs. 193 und 194/87, Slg. 1989, 1045, Rn. 19 (Maurissen und Gewerkschaftsbund/EuRH).. Seit langem kontrovers diskutiert wird dagegen, unter welchen Voraussetzungen eine an eine andere Person als den Kläger gerichtete Entscheidung oder eine an keine Person gerichtete Gemeinschaftsmaßnahme einen Kläger individuell betrifft50Der EuGH prüft das Merkmal der Betroffenheit selten isoliert, insoweit abweichend allerdings EuGH, 23. 2. 1971 - Rs. 62/70, Slg. 1971, 897, Rn. 4-10 (Bock/Kommission). Vgl. zum Unmittelbarkeitskriterium EuGH, 23. 10. 1972 (Fn. 5), Rn. 5/8 und 9/13 (Haegeman/Kommission); 6. 3. 1979 (Fn. 5), Rn. 27-30 (Simmenthal/Kommission); 29. 3. 1979 (Fn. 19), Rn. 11 (NTN Toyo Bearing Company/Rat); 1. 7. 1965, verb. Rs. 106 und 107/63, Slg. 1965, 547, 555 f. (Töpfer/Kommission); 23. 2. 1971, a. a. O., Rn. 6-8 (Bock/Kommission); 17. 1. 1985 - Rs. 11/82, Slg. 1985, 207, Rn. 7-10 (Piraiki-Patraiki/Kommission); EuG, 12. 12. 1996 - Rs. T-380/94, Slg. 1996, II-2169, Rn. 46 f. (AIUFFASS und AKT/Kommission); 27. 4. 1995 - Rs. T-96/92, Slg. 1995, II-1213, Rn. 38-46, insbesondere Rn. 40 (Comité central d'entreprise de la Société générale des grandes sources u. a./Kommission); 27. 4. 1995 - Rs. T-12/93, Slg. 1995, II-1247, Rn. 49-59, insbesondere Rn. 53 (Vittel u. a./Kommission).. In jüngster Zeit hat die Diskussion, ausgelöst durch zahlreiche Entscheidungen von EuG und EuGH, nochmals an Dynamik gewonnen.1. Die ältere Rechtsprechung des EuGHTrotz seines Bekenntnisses, die Bestimmungen über das Klagerecht nicht restriktiv zu interpretieren51EuGH, 15. 7. 1963 - Rs. 25/62, Slg. 1963, 211, 237 (Plaumann/Kommission)., hat der Gerichtshof sich lange Zeit einer großzügigen, an Rechtsschutzgesichtspunkten orientierten Auslegung des Merkmals Individualität unter Hinweis auf den angeblich »eindeutig engen Wortlaut« von Art. 173 Abs. 2 EWGV (Art. 173 Abs. 4) verschlossen52Vgl. zu dieser Formulierung EuGH, 1. 4. 1965 - Rs. 40/64, Slg. 1965, 295, 312 (Sgarlata/Kommission). Nach T. von Danwitz, Die Garantie effektiven Rechtsschutzes im Recht der Europäischen Gemeinschaft, NJW 1993, 1108, 1115, ist die Forderung, wonach die Bestimmungen über den Rechtsschutz nicht restriktiv interpretiert werden dürfen, (zunächst) ohne weitere Beachtung geblieben.. Grundlage dieser restriktiven Rechtsprechung war die sogenannte Plaumann-Formel. Danach »kann, wer nicht Adressat einer Entscheidung ist, nur dann geltend machen, von ihr individuell betroffen zu sein, wenn die Entscheidung ihn wegen bestimmter persönlicher Eigenschaften oder besonderer, ihn aus dem Kreis der übrigen Personen heraushebender Umstände berührt und ihn daher in ähnlicher Weise individualisiert wie den Adressaten«53EuGH, 15. 4. 1963 (Fn. 51), 238 (Plaumann/Kommission); seitdem ständige Rspr.: vgl. nur EuGH, 28. 1. 1986 - Rs. 169/84, Slg. 1986, 391, Rn. 22 (COFAZ/Kommission); EuG, 19. 5. 1994 - Rs. T-2/93, Slg. 1994, II-323, Rn. 42 (Air France/Kommission); 27. 4. 1995 (Fn. 50), Rn. 26 (Comité central d'entreprise de la Société générale des grandes sources u. a./Kommission).. Dabei sollte die Eigenschaft, als Teilnehmer am Wettbewerb von einer Maßnahme betroffen zu sein, zur Individualisierung nicht ausreichen, da »eine kaufmännische Tätigkeit jederzeit von jedermann ausgeübt werden kann«54EuGH, 15. 7. 1963 (Fn. 51), 239 (Plaumann/Kommission).. Unter die besonderen Umstände i. S. der Plaumann-Formel subsumierte der Gerichtshof demgemäß keine kraft seiner beruflichen Stellung vermittelten »Dauereigenschaften« des Betroffenen, sondern verlangte regelmäßig, daß der Kreis der Betroffenen zum Zeitpunkt der Entscheidung nach Zahl und Personen feststehe55EuGH, 1. 7. 1965 (Fn. 50), 556 (Töpfer/Kommission); 13. 5. 1971 (Fn. 19), Rn. 16/22 (Fruit Company/Kommission); anders wohl GA K. Roemer, Schlußanträge zu EuGH, 13. 6. 1968 (Fn. 21), 611, 622, 629 (Watenstedt/Rat); vgl. dazu auch H.-W. Daig (Fn. 44), S. 108 f.. Herbeigeführt werden konnte eine solche Individualisierung im Zeitpunkt des Erlasses der Entscheidung insbesondere durch vor der Entscheidung gestellte Anträge56EuGH, 1. 7. 1965 (Fn. 50), 556 (Töpfer/Kommission); 23. 2. 1971 (Fn. 50), Rn. 9 f. (Bock/Kommission).. Dieser vergangenheitsbezogene Maßstab57Besonders deutlich wird die vergangenheitsbezogene, rigide Position in EuGH, 1. 4. 1965 - Rs. 38/64, Slg. 1965, 277, 285 (Getreide-Import GmbH/Kommission); vgl. dazu auch M. Wegmann, Die Nichtigkeitsklage Privater gegen Normativakte der Europäischen Gemeinschaften, 1976, S. 141 und H.-W. Daig (Fn. 44), S. 109. bezüglich der Individualisierung von Nichtadressaten hat bis Ende der 70er Jahre nur in seltenen Fällen58Beispiele sind EuGH, 1. 7. 1965 (Fn. 50), 556 (Töpfer/Kommission); 23. 2. 1971 (Fn. 50), Rn. 10 (Bock/Kommission); 13. 5. 1971 (Fn. 19), Rn. 16/22 (Fruit Company/Kommission); 1. 2. 1984 - Rs. 1/84 R, Slg. 1984, 423, Rn. 6 (Ilford Spa/Kommission). zur Bejahung individuellen Betroffenseins geführt.2. Die jüngere Rechtsprechung von EuGH und EuGOhne im Ausgangspunkt von der Definition des individuellen Betroffenseins im Sinne der Plaumann-Formel Abstand zu nehmen59Vgl. die Nachweise in Fn. 53. Auf dieser Grundlage ergingen - unbeschadet der im folgenden skizzierten Ausweitung der Klagebefugnis - in jüngerer Zeit auch Urteile, die das Merkmal der individuellen Betroffenheit sehr restriktiv interpretieren, EuG, 9. 4. 1997 (Fn. 17), Rn. 44-56 (Terre Rouge Consultant SA/Kommission); EuGH, 28. 3. 1995 (Fn. 21), Rn. 13-15 (Cristina Kik/Rat und Kommission); EuG, 7. 11. 1996 - Rs. T-298/94, Slg. 1996, II-1533, Rn. 41-44 (Roquette Frères SA/Rat)., hat die Gemeinschaftsgerichtsbarkeit seit Ende der siebziger Jahre neue Akzente zur Auslegung des Merkmals »Individualität« gesetzt.a) Verfahrensbeteiligung und VerfahrensgarantienAls mittlerweile (quantitativ) bedeutendstes Kriterium zur Bejahung individueller Betroffenheit von Nichtadressaten hat die Rechtsprechung die Beteiligung an einem vorangegangenen Verwaltungsverfahren anerkannt. Beispiele für eine Individualisierung durch Verfahrensbeteiligung finden sich im Bereich des Beihilfeaufsichtsrechts60EuGH, 28. 1. 1986 (Fn. 53), Rn. 23 f. (COFAZ/Kommission); 2. 2. 1988 - Rs. 67, 68 und 70/85, Slg. 1988, 219, Rn. 21 f. (Van der Kooy u. a./Kommission); 19. 5. 1993 - Rs. C-198/93, Slg. 1993, I-2487, Rn. 23 (Cook/Kommission); 15. 6. 1993 - Rs. C-225/93, Slg. 1993, I-3203, Rn. 17 (Matra/Kommission); EuG, 6. 7. 1995 - verb. Rs. T 447-449/93, Slg. 1995, II-1971, Rn. 35-38 (AITEC u. a./Kommission); 18. 9. 1995 - Rs. T-49/93, Slg. 1995, II-2501, Rn. 34-38 (SIDE/Kommission)., im Antidumpingrecht61EuGH, 20. 3. 1985 - Rs. 264/82, Slg. 1985, 849, Rn. 12-14 (Timex/Rat und Kommission)., im Antisubventionsrecht62EuGH, 4. 10. 1983 - Rs. 191/82, Slg. 1983, 2913, Rn. 30 (Fediol I/Kommission)., im Kartellrecht63EuGH, 25. 10. 1977 - Rs. 26/76, Slg. 1977, 1875, Rn. 13 (Metro/Kommission); 11. 10. 1983 - Rs. 210/81, Slg. 1983, 3045, Rn. 14 (Demo-Studio Schmidt/Kommission). und im Bereich der gemeinschaftlichen Fusionskontrolle64EuG, 19. 5. 1994 (Fn. 53), Rn. 44 und 47 (Air France/Kommission). Vgl. ausführlich T. Körber, Konkurrentenklagen in der europäischen Fusionskontrolle, EuZW 1996, 267.. Aus einer Gesamtschau der ergangenen Urteile läßt sich entnehmen, daß die Bejahung von Individualität alternativ voraussetzt, daß der Kläger angehört worden ist, die Beschwerde, die zu dem Untersuchungsverfahren geführt hat, veranlaßt hat, seine Erklärungen den Verfahrensablauf weitgehend bestimmt haben oder er trotz eines bestehenden Verfahrensrechts unverschuldet am Verwaltungsverfahren nicht teilgenommen hat. Dabei verlangt die Rechtsprechung keine Verfahrensteilnahme aufgrund sekundär- oder primärrechtlicher Verfahrensgarantien, sondern läßt auch die freiwillige Einbeziehung ins Verwaltungsverfahren durch die Kommission genügen65Vgl. die Analyse der Urteile Metro I, Timex, Fediol I, Cofaz, Matra und Cook durch P. von Dietze, Verfahrensbeteiligung und Klagebefugnis im EG-Recht, 1995, S. 85; die Ausführungen des EuG - Entscheidungen der Kommission nach Art. 93 Abs. 2 betreffend - in den Rs. T-435/93 v. 27. 4 1995, Slg. 1995, II-1281, Rn. 63 f. (ASPEC u. a./Kommission) und Rs. T-442/93 v. 27. 4. 1995, Slg. 1995, II-1329, Rn. 48 (AAC u. a./Kommission), sowie C. Nowak, Konkurrentenschutz in der EG, 1997, S. 459.. Nicht ausreichend sind dagegen ein auf eigener Initiative beruhendes Eingreifen in das Verfahren oder ein Vorbringen unabhängig von einem Verfahren66EuG, 9. 8. 1995 - Rs. T-585/93, Slg. 1995, II-2205, Rn. 56 (Greenpeace/Kommission); 13. 12. 1995 (Fn. 23), Rn. 59 (Vereniging van Exporteurs in Levende Varkens u. a./Kommission); 5. 6. 1996 - Rs. T-398/94, Slg. 1996, II-477, Rn. 42 (Kahn Scheepvaart/Kommission)..b) Spürbare Beeinträchtigung von Marktpositionen oder Eingriff in gemeinschaftliche GrundrechteWeitergehend hat insbesondere das EuG mehrfach ausdrücklich festgestellt, daß eine vorangehende Verfahrensbeteiligung keineswegs eine notwendige Voraussetzung für die Annahme individueller Betroffenheit darstelle und eine Individualisierung durch Heranziehung anderer Kriterien nicht ausschließe67EuG, 27. 4. 1995 (Fn. 50), Rn. 36 (Comité central d'entreprise de la Société générale des grandes sources u. a./Kommission); 27. 4. 1995 (Fn. 50), Rn. 47 (Vittel u. a./Kommission); 27. 4. 1995 (Fn. 65), II-1329 Rn. 63 f. (ASPEC u. a./Kommission); 27. 4. 1995 (Fn. 65), Rn. 48 f. (AAC u. a./Kommission). Vgl. zur Anerkennung verschiedener Individualisierungskriterien auch EuGH, 16. 5. 1991 (Fn. 13), Rn. 16 f. (Extramet Industrie/Rat). Zur Klagebefugnis eines unabhängigen Importeurs im Antidumping-Verfahren anders noch EuGH, 11. 7. 1990 - Rs. C-157/87, Slg. 1990, I-3021, 1. Leitsatz (Electroimpex/Rat); 11. 7. 1990 - Rs. C-323/88, Slg. 1990, I-3027, Rn. 43.. Zur Begründung von Individualität haben EuG und EuGH auch auf die besondere bzw. spürbare Beeinträchtigung der Marktposition des Klägers durch die beanstandete Maßnahme abgestellt. Eine erhebliche bzw. spürbare Beeinträchtigung der Marktposition des Klägers wird in einigen Entscheidungen kumulativ, in anderen als ausschließliche Voraussetzung zur Begründung der Klagebefugnis herangezogen68Kumulativ: EuGH, 20. 3. 1985 (Fn. 61), Rn. 12-16 (Timex/Rat und Kommission); EuG, 11. 7. 1996 - verb. Rs. T-528, 542, 543 und 546/93, Slg. 1996, II-649, Rn. 61 und 75 (Métropole Télévision u. a./Kommission); 19. 5. 1994 (Fn. 53), Rn. 44-47 (Air France/Kommission). Alternativ: EuGH, 16. 5. 1991 (Fn. 13), Rn. 17 (Extramet Industrie/Rat); EuG, 24. 3. 1994 - Rs. T-3/93, Slg. 1994, II-121, Rn. 82 (Air France/Kommission); 27. 4. 1995 (Fn. 65), Rn. 69 f. (ASPEC u. a./Kommission); 27. 4. 1995 (Fn. 65), Rn. 53 (AAC u. a./Kommission); 18. 9. 1995 (Fn. 60), Rn. 31 (SIDE/Kommission); 22. 10. 1996 - Rs. T-266/94, Slg. 1996, II-1399, Rn. 47 f. (Foreningen af Jernskibs-Maskinbyggerier i Danmark u. a./Kommission)..Entgegen dem Urteil des EuG in der Rechtssache Century Oils Hellas, in dem das Gericht das Vorliegen eines Verstoßes gegen gemeinschaftliche Grundrechte als für die Beurteilung der Zulässigkeit unerheblich einstufte69EuG, 4. 7. 1994 - Rs. T-13/94, Slg. 1994, II-431, Rn. 15 (Century Oils Hellas/Kommission); vgl. ferner 27. 4. 1995 (Fn. 50), Rn. 26 (Comité central d'entreprise de la Société générale des grandes sources u. a./Kommission) sowie 27. 4. 1995 (Fn. 50), Rn. 36 (Vittel u. a./Kommission)., läßt sich aus einer Zusammenschau der Urteile des EuGH in den Rs. Codorniu und SMW Winzersekt zudem ableiten, daß auch eine Beträchtigung von zum gemeinschaftlichen Grundrechtsstandard gehörenden Grundrechten individuelles Betroffensein zu begründen vermag. Im Urteil Codorniu hat der Gerichtshof die individuelle Betroffenheit im Sinne von Abs. 4 schlicht darauf zurückgeführt, daß die streitige Vorschrift den Hersteller daran hindert, sein eingetragenes Markenzeichen weiterhin zu nutzen70EuGH, 18. 5. 1994 (Fn. 17), Rn. 21 f. (Codorniu SA/Rat).. Im Vorabentscheidungsurteil in der inhaltlich vergleichbaren Rechtssache SMW Winzersekt hat der Gerichtshof sodann festgestellt, daß die untersagte Verwendung eines herkömmlich genutzten Markenzeichens einen Eingriff in das gemeinschaftliche Grundrecht auf freie Berufsausübung darstellt71EuGH, 13. 12. 1994 - Rs. 306/93, Slg. 1994, I-5555, Rn. 24 (SMW Winzersekt/Rheinland-Pfalz).. Diese Ausführungen legen nahe, daß der EuGH auch in der Rechtssache Codorniu zur Begründung der Individualität in der Sache auf einen Grundrechtseingriff abgestellt hat72Vgl. ausführlich zu dieser Interpretation des Urteils Codorniu C. Nowak (Fn. 65), S. 470 ff. Der Präsident des EuG, 22. 12. 1995 - Rs. T-219/95 R, Slg. 1995, II-3051, Rn. 72 (Danielsson u. a./Kommission) spricht im Zusammenhang mit dem Urteil Codorniu von verletzten Rechten; ebenso EuGH, 23. 11. 1995 (Fn. 17), Rn. 43 (Asocarne/Rat)..c) Normativ aufgegebenes Gebot der Berücksichtigung spezifischer KlägerinteressenEinen der spürbaren Beeinträchtigung der Marktposition ähnlichen (und in den Urteilen Sofriimport73EuGH, 26. 6. 1990 - Rs. C-152/88, Slg. 1990, I-2477, Rn. 11 (Sofriimport/Kommission). und Piraiki-Patraiki74EuGH, 17. 1. 1985 (Fn. 50), Rn. 31 (Piraiki-Patraiki/Kommission). bereits angedeuteten) Gesichtspunkt75Vgl. zu den Unterschieden D. Waelbroek/D. Fosselard (Fn. 24), S. 822 f. hat das EuG zur Begründung individueller Betroffenheit im Urteil Antillean Rice Mills herangezogen und diese Rechtsprechung in der Rechtssache Exporteurs in Levende Varkens bestätigt. Danach sind Kläger (auch) individualisiert, wenn ein Gemeinschaftsorgan verpflichtet ist, »aufgrund spezifischer Bestimmungen (gemeint sind gemeinschaftsrechtliche Normen) die Folgen« »einer beabsichtigten Handlung auf die Lage bestimmter Personen zu berücksichtigen«, und der Kläger zu letzteren zählt76EuG, 14. 9. 1995 (Fn. 17), Rn. 67 (Antillean Rice Mills NV u. a./Kommission); 13. 12. 1995 (Fn. 23), Rn. 61 (Vereniging van Exporteurs in Levende Varkens u. a./Kommission). In beiden Urteilen werden an den einschlägigen Stellen die Urteile Piraiki/Patraiki und Sofriimport zitiert.. Dieses Abstellen auf eine dem Schutz spezifischer Klägerinteressen dienende Norm des Gemeinschaftsrechts im Kontext der angefochtenen Gemeinschaftshandlung prägt auch die Argumentation des EuG zur individuellen Betroffenheit in den Urteilen Perrier und Vittel77EuG, 27. 4. 1995 (Fn. 50), Rn. 26 ff. (Comité central d'entreprise de la société générale des grandes sources u. a./Kommission); 27. 4. 1995 (Fn. 50), Rn. 36 ff. (Vittel u. a./Kommission); vgl. zu den Parallelen zum Urteil Antillean Rice Mills D. Waelbroek/D. Fosselard (Fn. 24), S. 824 ff..Diese Rechtsprechung ähnelt der aus dem deutschen Recht bekannten Schutznormtheorie78Auch D. Waelbroek/D. Fosselard (Fn. 24), S. 824 sprechen von »protective norm« (»Schutznorm«)., ohne allerdings eine Rechtsbetroffenheit zu verlangen. Inwieweit eine im Vordringen befindliche großzügige Rechtsprechung des Gerichtshofs zu der aufgrund sekundären Gemeinschaftsrechts vermittelten Klagebefugnis des einzelnen vor nationalen Gerichten79Dazu ausführlich B. W. Wegener, Rechte des Einzelnen - Die Interessentenklage im Europäischen Umweltrecht, 1998. zukünftig eine noch rechtsschutzfreundlichere Auslegung des Individualitätskriteriums im Sinne von Art. 173 Abs. 4 befördern kann, bleibt abzuwarten.d) Verbände und VereinigungenEine Vereinigung (Verband), die nicht Adressat eines Gemeinschaftsakts ist, ist nach der Rechtsprechung nur klagebefugt, wenn sie ein eigenes Klageinteresse hat, insbesondere weil ihre Position als Verhandlungsführerin berührt ist80EuGH, 2. 2. 1988 (Fn. 60), Rn. 17-25 (Van der Koy u. a./Kommission); 24. 3. 1993 - Rs. C-313/90, Slg. 1993, I-1125 (CIRFS)., oder wenn sie an die Stelle eines (oder mehrerer) ihrer Mitglieder tritt und dieses Mitglied selbst eine zulässige Klage erheben könnte81EuG, 6. 7. 1995 (Fn. 60), Rn. 60 (AITEC u. a./Kommission) und zusammenfassend EuG, 13. 12. 1995 (Fn. 23), Rn. 64 (Vereniging van Exporteurs in Levende Varkens u. a./Kommission). Vgl. zur Rspr. auch B. W. Wegener, Ein Silberstreif für die Verbandsklage am Horizont des europäischen Rechts, in: W. Cremer/A. Fisahn, Jenseits der marktregulierten Selbststeuerung - Perspektiven des Umweltrechts, 1997, S. 183, 197 ff.. An einer Klagebefugnis fehlt es dagegen, wenn auch den Mitgliedern als einzelnen die Erhebung der Klage verwehrt ist82EuGH, 5. 11. 1986 - Rs. 117/86, Slg. 1986, 3255, Rn. 12 (UFADE/Rat und Kommission); EuG, 6. 7. 1995 (Fn. 60), Rn. 58 f. (AITEC u. a./Kommission); 9. 8. 1995 (Fn. 66), Rn. 59 (Greenpeace u. a./Kommission)..3. LiteraturDie restriktive ältere Rechtsprechung des Gerichtshofs ist insbesondere wegen der unter Rechtsschutzgesichtspunkten unbefriedigenden Ergebnisse vielfach kritisiert worden83Vgl. nur L. Goffin, L'arrêt de la Cour de justice du juillet 1965, Observations, Cahiers de droit européen 1966, 75, 84 ff.; L.-J. Constantinesco, Die unmittelbare Anwendbarkeit von Gemeinschaftsnormen und der Rechtsschutz von Einzelpersonen im Recht der EWG, 1969, S. 90; B. Börner, Referat zur Fragestellung: Empfiehlt es sich, die Bestimmungen des europäischen Gemeinschaftsrechts über den Rechtsschutz zu ändern und zu ergänzen?, in: Verhandlungen des 46. Deutschen Juristentages, 1966, Bd. 2, Teil G, S. 9, 31. Der damaligen Rechtsprechung dagegen zustimmend: GA J. Gand, Schlußanträge zu EuGH, 11. 3. 1965 - Rs. 38/64, Slg. 1965, 277, 286, 292 (Getreideimport GmbH/Kommission); E.-W. Fuß, Rechtssatz und Einzelakt im europäischen Gemeinschaftsrecht, NJW 1964 (Fn. 57), 945, 949 f.. Die Rechtsprechung zu einer die Klagebefugnis begründenden Verfahrensbeteiligung wurde dementsprechend (aus rechtspolitischer Perspektive) überwiegend begrüßt84G. Nicolaysen, Ein neuer Weg zur Konkurrentenklage, Anm. zum EuGH-Urteil in der Rs. 169/84 vom 28. 1. 1986, EuR 1986, S. 261, 261 ff.; J. Schwarze, Subventionen im Gemeinsamen Markt und der Rechtsschutz des Konkurrenten, in: GS Martens, 1987, S. 819, 845 ff.. Die Ableitung der Klagebefugnis aus der Beeinträchtigung materieller Interessen oder Rechte wird in der Literatur ebenfalls zunehmend befürwortet oder jedenfalls wohlwollend resümiert85Überwiegend wird ein Grundrechtseingriff jedenfalls für ausreichend gehalten: J. C. Moitinho de Almeida, Le recours en annulation des particuliers (article 173, deuxième alinéa, du traitée CE): nouvelles réflexions sur l'expression »la concernent ... individuellement«, FS Everling, 1995, S. 849, 869 ff., insbesondere 872; N. Löw, Der Rechtsschutz des Konkurrenten gegenüber Subventionen aus gemeinschaftsrechtlicher Sicht, 1992, S. 155 f. und C. Nowak (Fn. 65), S. 470 ff.; G. Bebr, Development of judicial control of the European Communities, The Hague/Boston/London 1981, S. 83; L. Allkemper (Fn. 20), S. 92; T. von Danwitz (Fn. 52); N. Neuwahl, Article 173, Paragraph 4 EC: Past, Present and possible Future, ElRev. 1996, S. 17, 30 f.; vgl. auch H.-W. Rengeling, Brauchen wir die Verfassungsbeschwerde auf Gemeinschaftsebene?, FS Everling, 1995, 1187, 1202 f.; in der älteren Literatur stellen auf ein an materiellen Kriterien orientiertes besonderes Interesse ab B. Börner, Referat zur Fragestellung: Empfiehlt es sich, die Bestimmungen des europäischen Gemeinschaftsrechts über den Rechtsschutz zu ändern und zu ergänzen?, in: Verhandlungen des 46. Deutschen Juristentages, 1966, Bd. 2, Teil G, S. 7, S. 31; L.-J. Constantinesco (Fn. 83), 90..4. StellungnahmeDie teils wegen ihrer Flexibilität und ihres einzelfallorientierten Pragmatismus' gelobte Rechtsprechung86Vgl. nur J. D. Cooke (Fn. 14), S. 30 und insbesondere S. 35. hat mit der Ausdehnung der Klagebefugnis auf die in spezifischen Interessen oder (Grund-)Rechten betroffenen Kläger den richtigen Weg eingeschlagen. Der gerichtliche Rechtsschutz nach Abs. 4 dient trotz des in Art. 173 vorgesehenen objektivrechtlichen Prüfungsmaßstabs insbesondere der Durchsetzung eigener materieller Rechte und Interessen der Betroffenen. Die Möglichkeit der Durchsetzung dieser Rechte und Interessen darf deshalb nicht ausschließlich von dem formalen Kriterium der Verfahrensbeteiligung abhängen. Eine solche Verengung der Klagebefugnis wäre schon deshalb inakzeptabel, weil ein einer Gemeinschaftsentscheidung vorgeschaltetes Verwaltungsverfahren nicht in allen Bereichen des gemeinschaftlichen Verwaltungshandelns vorgesehen ist (z. B. fehlt es bei der Vergabe von Gemeinschaftsbeihilfen87Vgl. dazu W. Cremer, Forschungssubventionen im Lichte des EGV - Zugleich ein Beitrag zu den gemeinschaftsrechtlichen Rechtsschutzmöglichkeiten gegenüber Subventionen, 1995, S. 226 f. und teilweise im Anwendungsbereich von Art. 8688Vgl. dazu ausführlicher sowie zu weiteren Fällen C. Nowak (Fn. 65), S. 460 ff.). Wo eine Beteiligung am Verwaltungsverfahren trotz Rechts- oder Interessenbetroffenheit nicht möglich ist, besteht aber mangels Einflußnahmemöglichkeit auf die Entscheidungsfindung im Verwaltungsverfahren erst recht ein Bedürfnis für eine Klagebefugnis zur Verteidigung eigener Rechte oder Interessen89Vgl. dazu ausführlicher W. Cremer (Fn. 87), S. 225 f.. Ohne jedwedes (negatives) Betroffensein als ein individuelles im Sinne von Art. 173 Abs. 4 zu qualifizieren, hat die Gemeinschaftsgerichts-barkeit diesem Anliegen in jüngerer Zeit durch Einbeziehung materieller Kriterien (spürbare Beeinträchtigung der Marktposition, Grundrechtseingriffe, normativ aufgegebenes Gebot der Berücksichtigung spezifischer Klägerinteressen) erfreulicherweise Rechnung getragen.Anknüpfend an diese materielle Betrachtungsweise sollte allen (direkten) Konkurrenten eines von einer Gemeinschaftsmaßnahme wirtschaftlich Begünstigten zukünftig die Klagebefugnis auch dann zuerkannt werden, wenn diese in ihrer Wettbewerbsposition betroffen sind, ohne daß es insoweit auf Erheblichkeit oder Spürbarkeit, die insbesondere bei Oligopolisten gegeben sein wird, ankommt. Eine solche - rechtsschutzfreundlichere - Auslegung des Art. 173 Abs. 4 würde auch mit der großzügigeren Rechtsprechung des Gerichtshof zu der aufgrund sekundären Gemeinschaftsrechts vermittelten Klagebefugnis des einzelnen vor nationalen Gerichten90Dazu ausführlich B. W. Wegener (Fn. 79). besser harmonieren. Ausgehend vom Wortlaut des Art. 173 Abs. 4 muß zwischen den von einer Gemeinschaftsmaßnahme Betroffenen und den von einer Gemeinschaftsmaßnahme individuell Betroffenen unterschieden werden. Diese Differenzierung im Normtext von Art. 173 Abs. 4 korrespondiert mit dem tatsächlichen Befund, daß der Kreis der von einer einzelnen Maßnahme irgendwie Beschwerten nicht nur im Wirtschaftsverwaltungsrecht häufig kaum überschaubar ist91Vgl. dazu K. Koch, Die Klagebefugnis Privater gegenüber Entscheidungen gemäß Art. 173 Abs. 2 EWG-Vertrag, 1980, S. 259 mit folgendem instruktiven Beispiel: A erhält die Erlaubnis, sein Haus so hoch zu bauen, daß dem Haus des Nachbarn B, das der Mieter C bewohnt, jede Aussicht genommen wird. D, ein Freund des C, macht von einem Fenster des C häufig astronomische Beobachtungen, und E, die Frau des D, sieht ihren Mann lieber bei astronomischen Beobachtungen als im Wirtshaus. Alle (B, C, D und E) sind von der Bauerlaubnis betroffen., es innerhalb dieser Gruppe von Betroffenen aber eine Gruppe von speziell Betroffenen geben kann und zumeist auch geben wird. Dabei macht es allerdings Schwierigkeiten, eine spezielle Betroffenheit mit Hilfe einer besonderen ökonomischen Intensität oder Empfindlichkeit derselben zu ermitteln. So ist beispielsweise fraglich, ob ein direkter Konkurrent eines Subventionsbegünstigten nicht ökonomisch weniger gravierend durch die Subventionsvergabe betroffen sein kann als ein Zulieferer des Konkurrenten, der subventionsbedingt möglicherweise schwere Umsatzverluste erleidet und Konkurs anmelden muß92Z. B. weil ein direkter Konkurrent des Subventionsbegünstigten sein alleiniger oder zumindest maßgeblicher Abnehmer ist und den betroffenen Produktionsbereich drosselt oder gar aufgibt.. Ein weiteres Beispiel wäre die aufgrund einer Subventionsvergabe drohende Arbeitslosigkeit eines Arbeitnehmers eines Konkurrenten, die dazu führen kann, daß dieser zukünftig von der Arbeitslosenunterstützung oder der Sozialhilfe leben muß. Eine Bewertung nach der ökonomischen Intensität des Betroffenseins wäre folglich willkürlich, weil kaum zu beurteilen ist, welche ökonomischen Auswirkungen besonders gravierend sind. Das Kriterium wäre zudem unpraktikabel, weil erhebliche Recherchen über die Auswirkungen einer Entscheidung (z. B. Subventionsvergabe) erforderlich wären. Als taugliches Abgrenzungsmerkmal zwischen »Betroffenen« und »individuell Betroffenen« i. S. von Art. 173 Abs. 4 kommt dagegen ein Kriterium in Betracht, welches auf die besondere sachliche Nähe der Betroffenen zum Regelungsinhalt der Entscheidung abstellt93Problematisch ist diese Konzeption allerdings hinsichtlich umweltbezogenem Verwaltungshandeln, vgl. dazu instruktiv EuGH, 2. 4. 1998 - Rs. C-321/95, Slg. 1998, I-1651, insbesondere den vom EuGH in den Rn. 17-20 und 23-26 referierten Klägervortrag (Greenpeace u. a./Kommission).. Individualisiert sind danach diejenigen, die durch die Entscheidung »erstbeschwert« sind94Vgl. dazu auch K. Koch (Fn. 91), S. 259 f..Bei an die Mitgliedstaaten gerichteten Entscheidungen sind konstruktiv vier Konstellationen denkbar, anhand deren die Tauglichkeit dieses Kriteriums bewiesen werden soll. Zum einen kann eine an die Mitgliedstaaten gerichtete Entscheidung eine beabsichtigte Begünstigung von bestimmten Wirtschaftsteilnehmern verbieten95Beispiele wären die den Urteilen Philip Morris und Plaumann zugrunde liegenden Kommissionsentscheidungen.. Dann sind gerade diese Wirtschaftsteilnehmer die »Erstbeschwerten«. Die besondere Beschwer liegt darin, daß sie das Regelungssubjekt der beabsichtigten innerstaatlichen Umsetzungsnorm sind. Man kann von einer besonderen Sach- oder Regelungsnähe sprechen. In der zweiten denkbaren Konstellation erlaubt die Entscheidung dem Mitgliedstaat die beabsichtigte Begünstigung von bestimmten Wirtschaftsteilnehmern96Beispiel wäre z. B. die Genehmigung einer mitgliedstaatlichen Beihilfe durch die Kommission.. Die begünstigten Wirtschaftsteilnehmer sind gar nicht beschwert. Beschwert, und zwar »erstbeschwert« sind die Unternehmen, die auf demselben relevanten Markt97Bzw. die Unternehmen, die in demselben Sektor, für den dem begünstigten Unternehmen die Beihilfe gewährt werden soll, ihre Waren oder Dienstleistungen anbieten. wie der Begünstigte ihre Waren oder Dienstleistungen anbieten. Diese direkten Konkurrenten sind »erstbeschwert«, weil der Nachteil des Konkurrenten geradezu die Kehrseite des Vorteils des das Regelungssubjekt der staatlichen Umsetzungsnorm darstellenden Begünstigten ist. In den Konstellationen drei und vier verbietet bzw. erlaubt die Entscheidung dem Mitgliedstaat eine beabsichtigte Belastung. Die gefundenen Lösungen und Begründungen sind diesbezüglich analog heranzuziehen.Bei Entscheidungen, die an Private gerichtet sind, ist ebenfalls zu differenzieren. Bei belastenden Maßnahmen ist der Private bereits als Adressat klagebefugt, bei den den Adressaten begünstigenden Gemeinschaftsakten sind die Unternehmen erstbeschwert und somit individuell betroffen, die auf demselben relevanten Markt wie der Begünstigte ihre Waren oder Dienstleistungen anbieten.IV. SchlußbemerkungAbschließend läßt sich festhalten, daß die Gemeinschaftsgerichtsbarkeit in jüngerer Zeit einen substantiellen Beitrag zur Erweiterung der Rechtsschutzmöglichkeiten einzelner nach Art. 173 Abs. 4 geleistet hat. Diese Entwicklung verdient unter Rechtsschutzgesichtspunkten uneingeschränkte Zustimmung. Die Ausweitung des nach Art. 173 Abs. 4 zulässigen Gegenstands einer Klage begegnet allerdings methodischen Bedenken. Bei der Auslegung des Individualitätsmerkmals sollte die Rechtsprechung auf dem eingeschlagenen Weg weiter fortschreiten und allen von einer Entscheidung, »Scheinverordnung« oder »Scheinrichtlinie« in ihrer Wettbewerbsposition unmittelbar betroffenen Unternehmen ein Klagerecht einräumen.

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