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RIW 1997, 956
 
LG Köln
Internationale Zuständigkeit einer Widerklage wegen Mängeln im deutsch-belgischen Kaufvertrag

LG Köln, Entscheidung vom 9. Oktober 1996 - 91 O 130/94;

LG Köln vom 09.10.1996 - 91 O 130/94
RIW 1997, 956 (Heft 11)
Sachverhalt:Die Parteien standen in Geschäftsbeziehung. Die Klägerin, Schuhfabrikantin in Belgien, belieferte die Beklagte, Schuhimporteurin in Deutschland, mit Schuhen. Die Aufträge der Beklagten wurden jeweils von der Vertreterin der Klägerin in Deutschland, der Firma X., entgegengenommen. Im April 1993 lieferte die Klägerin der Beklagten Schuhe. Die Beklagte bezahlte den Kaufpreis vollständig. Auf weitere Bestellung der Beklagten lieferte die Klägerin im Mai 1993 nochmals Schuhe. Die Klägerin verlangte Zahlung einer unstreitigen Restforderung. Am 29. 7. 1993 teilte die Beklagte der Klägerin mit, die Lieferung aus April 1993 weise schwere Mängel auf. Über die Berechtigung dieser Rüge konnten sich die Parteien in der Folgezeit nicht einigen. Am 23. 11. 1993 erklärte die Beklagte gegenüber der Forderung der Klägerin vom 17. 5. 1993 die Aufrechnung mit ihren Gewährleistungsansprüchen. In der Folgezeit forderte die Beklagte die Klägerin wiederholt auf, die mangelhaften Schuhe zurückzunehmen. Die Klägerin trägt vor, mangels Rechtswahl finde auf das Vertragsverhältnis der Parteien belgisches Recht Anwendung. Da die Beklagte wegen der behaupteten Mängel nicht gem. Art. 1648 Code civil Klage erhoben habe, sei sie mit Gewährleistungsansprüchen ausgeschlossen. Sowohl für die Widerklage als auch für die Aufrechnung fehle es an der internationalen Zuständigkeit des LG Köln. Erfüllungsort für Ansprüche auf Kaufpreisrückgewähr sei der Ort ihrer gewerblichen Niederlassung. Die Beklagte beantragt, die Zahlungsklage abzuweisen. Widerklagend beantragt sie u. a., die Klägerin zu verurteilen, an sie Zug um Zug gegen Rückübereignung den erhaltenen Betrag zurückzuzahlen und festzustellen, daß sich die Klägerin in Annahmeverzug befinde. Mit der Widerklage mache sie Ansprüche wegen Nichterfüllung von Vertragspflichten aus Art. 78, 79, 43 Haager Einheitliches Kaufrecht geltend. Gleichzeitig erkläre sie die Aufrechnung mit dieser Forderung gegenüber der Klageforderung. Die Aufrechnung sei gem. Art. 1289 ff. belg. Code civil begründet. Die Zuständigkeit des LG Köln ergebe sich aus §§ 29, 33 ZPO, aber auch aus Art. 5 Nr. 1 EuGVÜ und Art. 6 Nr. 3 EuGVÜ. Die Zahlungsklage hatte Erfolg. Die Widerklage wurde abgewiesen.Aus den Gründen:»Für die Entscheidung über die mit der Klage geltend gemachte Kaufpreisforderung sind die deutschen Gerichte nach Art. 2 I EuGVÜ international zuständig, weil die Beklagte ihren Sitz in Deutschland hat. Die unstreitige Klageforderung ist gem. Art. 1605 belg. Code civil begründet.Für die Widerklage ist eine internationale Zuständigkeit des LG Köln nicht begründet. Eine solche ergibt sich weder aus Art. 6 Nr. 3 EuGVÜ, noch aus Art. 5 Nr. 1 EuGVÜ. Eine Zuständigkeit gem. Art. 6 Nr. 3 EuGVÜ ist nur begründet, wenn die Widerklage auf denselben Vertrag oder Sachverhalt gestützt wird, wie die Klage selbst. Das ist vorliegend nicht der Fall. Die Klage ergibt sich aus dem Kaufvertrag der Parteien aus Mai 1993, die Widerklage beinhaltet Rückgewähransprüche wegen Sachmängeln aus dem Vertrag vom April 1993. Es liegt weder ein Rahmenvertrag, noch ein Sukzessivlieferungsvertrag vor. Vielmehr standen die Parteien nur derart in Geschäftsbeziehung, daß die Beklagte bei der Vertretung der Klägerin in Deutschland wiederholt Bestellungen aufgab. Der Konnexitätsbegriff ist, da er zur Ausnahme von dem Grundsatz des Art. 2 I EuGVÜ führt, nicht weit, sondern eng auszulegen.Auch aus Art. 5 I EuGVÜ ergibt sich keine internationale Zuständigkeit des LG Köln für die von der Beklagten erhobene Widerklage. Der Erfüllungsort für die mit der Widerklage erhobenen Ansprüche ist der Wohnsitz der Klägerin nach belgischem Recht. Sowohl der Vertrag aus Mai 1993, als auch der Vertrag aus April 1993 richten sich nach belgischem Recht. Belgien ist nicht Vertragsstaat des Wiener UN Kaufrechtsübereinkommens. Das Abkommen ist daher weder nach seinem Art. 1 (1) a, noch nach Art. 1 (1) b anzuwenden, wie noch auszuführen ist. Die Verträge richten sich auch nicht nach dem Haager Einheitskaufrecht, denn Deutschland hat EAG und EKG gekündigt, sie sind am 1. 1. 1991 außer Kraft getreten. Mangels Rechtswahl ist daher nach Art. 28 EGBGB maßgebend das Recht des Staates, mit dem der Vertrag die engsten Verbindungen aufweist. Beim Fahrniskauf ist das der Staat des Verkäufers. Dieses Vertragsstatut gilt nicht nur für die primären Leistungspflichten, sondern auch für Gewährleistungs- und Schadensersatzansprüche des Käufers (vgl. Münchener Kommentar - Martiny, 2. Aufl. Art. 28 EGBGB RdNr. 117). Zum belgischen Recht gehört auch das Haager Einheitliche Kaufrecht über den internationalen Kauf beweglicher Sachen (EKG). Belgien hat aber bei Ratifizierung des EKG einen Vorbehalt nach Art. 4 gemacht. Es hat erklärt, daß es das EKG nur dann anwendet, wenn das Haager Abkommen betr. das auf internationale Käufe beweglicher Sachen anzuwendende Recht vom 12. 6. 1955 zur Anwendung des EKG führt. Dieser Vorbehalt ist eine Sachnorm des belgischen Rechts. Nur mit diesem Inhalt ist das EKG von Belgien ratifiziert worden. Es ist nicht einzusehen, warum dieser Vorbehalt bei einer Verweisung auf belgisches Recht nicht beachtet werden soll. Andernfalls würde man dem belgischen Recht einen anderen Inhalt beilegen, als der belgische Gesetzgeber wollte.In bezug auf Deutschland ist es aber seit dem 1. 1.1991 ausgeschlossen, daß man zur Anwendung des EKG gelangt, weil das EKG seitdem außer Kraft getreten ist. Eine Rückverweisung auf deutsches Recht gem. Art. 3 des Haager Übereinkommens von 1955 kommt aber nicht in Betracht. Einerseits ist Deutschland diesem Übereinkommen nicht beigetreten, andererseits wird eine Rückverweisung gem. Art. 35 EGBGB nicht angenommen. Maßgebend ist danach der belgische Code civil. Nach der erteilten Auskunft des belgischen Ministeriums der Justiz ist Erfüllungsort, sowohl für die Lieferung der verkauften Sache als auch für Rückzahlung des Kaufpreises nach Wandelung des Kaufvertrages Sitz des Verkäufers bzw. des Schuldners. Eine Veränderung des Erfüllungsorts mit Rücksicht auf die verlangte Rückzahlung des Kaufpreises Zug um Zug gegen Rückgabe der Schuhe tritt danach nicht ein. Ein internationaler Gerichtsstand für die Widerklage vor dem LG Köln ist nicht begründet.Die von der Beklagten erklärte Aufrechnung ist zwar zulässig, aber unbegründet. Das Argument des BGH (NJW 1993, 2753*RIW 1993 S. 846.), daß bei fehlender Zuständigkeit für die Widerklage die Prozeßaufrechnung 'erst recht' unzulässig sein muß, läßt sich nach der Entscheidung des EuGH (Urt. v. 13. 7. 1995 NJW 1996, 42) nicht mehr aufrechterhalten. Nach dem EuGH ist vielmehr zwischen dem Verteidigungsmittel der Aufrechnung und der angriffsweise erhobenen Widerklage, die allein durch Art. 6 Nr. 3 EuGVÜ geregelt werde, zu unterscheiden. Die Beklagte kann sich danach im Gerichtsstand der Klage gegen diese durch Aufrechnung verteidigen (in diesem Sinne auch Bacher, NJW 1996, 2140). Die Auf-rechnung ist aber unbegründet. Denn die Beklagte hat nicht gem. Art. 1648 belg. Code civil innerhalb einer kurzen Frist Klage wegen der versteckten Mängel erhoben. Sie ist daher mit ihren Gewährleistungsrechten ausgeschlossen. Die vorrangige Bedeutung einer fristgemäß erhobenen Klage betont auch das belgische Justizministerium in der von ihm erteilten Auskunft (...). Nach belgischem Recht obliegen Beginn und Dauer der Frist richterlicher Entscheidung. Aus der Antwort des Justizministeriums ergeben sich insoweit keine Erfahrungswerte. Da die Widerklage aber erst im Juli 1994 erhoben wurde, die ersten Mängelrügen aber schon aus Juli 1993 stammen, kann von einer Klageerhebung in kurzer Frist keine Rede mehr sein.«

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