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CNL 2021, 2
 

Compliance-Herausforderungen im Jahr 2021

Zum Auftakt des neuen Jahres haben wir einige Compliance-Experten um ihre Einschätzung zu den Compliance-Herausforderungen im Jahr 2021 gebeten.

„Ich sehe die Gefahr, dass der Compliance-Wald vor lauter Trend- und Rechts-Bäumen nicht gesehen wird“, beschreibt Markus Jüttner sehr bildhaft seinen Eindruck von den Herausforderungen im Jahr 2021. Er befürchtet eine Verwässerung der Compliance. Das sieht auch Dr. Katharina Hastenrath ähnlich. Für sie ist darum die Fokussierung der Compliance-Verantwortlichen auf Kernrisiken wie Korruption, Kartellrecht und Geldwäsche angezeigt.

Aber auch der Umgang mit der zunehmenden Komplexität ist für Hastenrath und Jüttner ein zentrales Thema: „Wir haben zunehmend mit einem Überangebot an Informationen zu hantieren. Lösungsansätze sind nicht zwingend im Reflex ‚mehr ist mehr‘ zu suchen“, so Jüttner. Statt komplizierter Methoden oder Big Data und Künstlicher Intelligenz, plädiert er für Augmented Intelligence.

Auch Hastenrath lenkt den Blick auf den Menschen: Behavioral Sciences sei der Schlüssel, Compliance-gerechtes Verhalten bei den Mitarbeitern voranzutreiben.

Peter Zawilla drängt darauf, den Weg konsequenter wegzulenken von einer „Papier-Compliance“ hin zu einer wirksamen Compliance-Kultur mit klaren Zielen für ein Compliance-Selbstverständnis und einer entsprechenden Haltung: „Dies erfordert deutlich mehr Kommunikation und unverändert deutlich mehr ‚erlebbare‘ Vorbildfunktion sowie ‚Tone from the Top‘ der Geschäftsleitung und Führungskräfte.“ Dabei seien der Wille und das Potenzial der Veränderungsbereitschaft für eine erfolgreiche Umsetzung ein maßgeblicher Erfolgsfaktor.

Für Carolin Schwarz und Christina Ritzenhoff steht ebenfalls eine wertebasierte Compliance- und Integritätskultur im Mittelpunkt: „Wertorientierung führt zu Sinn und Verantwortungsübernahme. Kommunikativ wird es deshalb noch wichtiger, das Thema positiv aufzuladen.“

Neben diesen weichen Faktoren zählt für die beiden auch das neue „Unternehmensstrafrecht“ zu einer der Herausforderungen im Jahr 2021. Dr. Thorsten Kuthe ergänzt das Stichwort „Lieferkette“ und – speziell für kapitalmarktorientierte Unternehmen und Investoren – die Auswirkungen der letzten Aktienrechtsreformen, die 2021 vollständig in Kraft treten: „Vorstands- und Aufsichtsratsvergütungen müssen umfassend den Aktionären vorgelegt und erweitert werden. Die entsprechenden Berichtspflichten und weiteren damit verbundenen Themen erfordern, sich schon frühzeitig damit auseinanderzusetzen.“ Außerdem sieht er insbesondere ausgehend von der Finanzmarkt- und Kapitalmarktregulierung einen zunehmenden faktischen Druck und auch Vorteile, wenn hier interne Standards gesetzt werden.

Mit Blick auf die Veränderungen des Lebens- und Berufsalltags durch die Covid-19-Pandemie sei die Compliance-Community vor allem von der Einschränkung der persönlichen Kontakte betroffen, sind sich Hastenrath, Ritzenhoff, Schwarz und Zawilla einig. „Die Vor-Ort-Kontrollhandlungen sind derzeit nur sehr eingeschränkt möglich, was die Aufdeckungswahrscheinlichkeit eher geringer werden lässt. Die Einflussnahme von Führungskräften – positiv wie negativ – ist ebenfalls deutlich eingeschränkt, die Möglichkeiten der Wahrnehmung einer Vorbildfunktion haben sich verändert“, fasst Zawilla die Probleme zusammen.

„Compliance-Fachleute müssen Vertrauen und Nähe aufbauen, damit sie als Helfer und nicht als Bedrohung und Verhinderer wahrgenommen werden“, beschreiben Ritzenhoff und Schwarz die Herausforderung. Compliance-Beauftragte sollten sich deshalb Mittel und Wege überlegen, wie sie dennoch den Draht zu den Kollegen aufrechterhalten und als Ansprechpartner in den Köpfen der Kollegen präsent bleiben.

Hastenrath weist auch auf die wirtschaftlichen und personellen Auswirkungen hin: „Die Krise sorgt einerseits für Kostendruck – jedenfalls in einigen Branchen – und andererseits für eine fehlende Bereitschaft von Compliance-Experten, einen Jobwechsel zu vollziehen.“ Der „Kampf um gutes Compliance-Personal“ sei darum deutlich härter geworden.

Ritzenhoff und Schwarz sehen zudem die steigende Herausforderung für Compliance-Verantwortliche, die Rolle zwischen Business Enabler und Gatekeeper auszubalancieren: „In den Unternehmen wird es in den kommenden Monaten entweder darum gehen, das Überleben zu sichern, oder schnell und flexibel auf den Aufschwung zu reagieren. Compliance darf hier nicht zum Bremser werden.“

chk

Abbildung 1

Dr. Katharina Hastenrath berät zu (strategischen) Compliance-Fragen und ist u.a. Dozentin für Compliance an der ZHAW und der BECK AKADMIE; zuvor war sie (C)CO bei mehreren, internationalen Unternehmen.

Abbildung 2

Markus Jüttner ist Rechtsanwalt, Vice President und Head of Group Compliance E.ON SE sowie Vorstandsmitglied DICO e.V., Lehrbeauftragter am Max-Weber-Institut für Soziologie der Universität Heidelberg und Beirat der Simply Rational GmbH.

Abbildung 3

Dr. Thorsten Kuthe ist Rechtsanwalt und Partner bei Heuking Kühn Lüer Wojtek in Köln. Seine Kernkompetenzen liegen im Kapitalmarkt- und Gesellschaftsrecht/Public M&A. Ein Schwerpunkt seiner Arbeit ist dabei die Begleitung von Anleiheemissionen sowie die kapitalmarktbezogene Compliance-Beratung von Unternehmen.

Abbildung 4

Christina Ritzenhoff ist selbständige Beraterin für strategische Kommunikation. Sie war Mitglied der Geschäftsleitung von Scholz & Friends Agenda in Berlin. Dort beriet sie zwölf Jahre Institutionen, Stiftungen, Verbände und Unternehmen bei gesellschaftspolitischen Kampagnen. Kontakt: orientation@integrity-map.de

Abbildung 5

Carolin Schwarz ist Expertin für wertebasierte Unternehmensführung und strategische Organisationsentwicklung. Sie hat das Integritätsmanagement eines DAX30-Konzerns in direkter Berichtslinie an den Vorstand aufgebaut und viele Jahre geleitet. Kontakt: orientation@integrity-map.de

Abbildung 6

Peter Zawilla ist Geschäftsführer und Gründer der FMS Fraud & Compliance Management Services GmbH. Er deckt Unregelmäßigkeiten auf, setzt Präventionsmaßnahmen um und implementiert und optimiert Compliance in Unternehmen.

 
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