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RIW 2019, I
Hartmann 

Aus “One Day in Addis” sind inzwischen fünf Jahre geworden

Abbildung 1

Ich habe bereits einen Teil meiner Erfahrungen als Unternehmer in Äthiopien in einem Beitrag mit dem Titel “One Day in Addis” beschrieben. Doch jeder Artikel über Äthiopien ist bei der Veröffentlichung schon wieder veraltet. Äthiopien befindet sich in einem konstanten Wandel, ist ständig in Bewegung. Auch dieser Beitrag wird daher nur eine Momentaufnahme sein, ein “work in progress”.

Es erklärt sich nicht von selbst, sich als deutscher M&A-Anwalt nun als Investor und Geschäftsführer in einer Obst- und Gemüsefarm in Äthiopien wiederzufinden. Es ist jedoch der anwaltlichen Beratung einiger Investitionsprojekte in Afrika zu verdanken, dass ich mit einer Art Virus infiziert wurde und irgendwann selbst den Schritt nach Afrika machen musste. Ziel war es, Fehler zu vermeiden, die ich bei anderen Investoren in Afrika gesehen hatte. Um es zusammenzufassen: Ich habe viele dieser Fehler vermieden, dafür aber eine ganze Menge anderer Fehler gemacht.

Eine touristische Reise nach Äthiopien vor fünf Jahren wandelte sich schnell in eine erste Analyse von Investitionsmöglichkeiten. Die Diskussionen mit offiziellen Stellen waren erfolgversprechend, man versprach mir tatsächlich das Paradies auf Erden. 10 % der Versprechungen erwiesen sich an mancher Stelle noch als zu euphorisch.

Es stimmt aber immer noch, dass es möglich ist, als ausländischer Investor die Gründung einer Gesellschaft und den Erhalt einer Investitionslizenz in Äthiopien an einem Tag zu erreichen. Die Behördengänge sind zwar nicht ganz einfach, aber mit guter Vorbereitung und viel Fingerspitzengefühl kann man manches erreichen, was in Europa viel länger dauert. Da man als Ausländer 200 000 US-Dollar als Mindestinvestment mitbringen muss, kann man einen solchen Service vielleicht auch erwarten.

Die Investitionsgesetze werden konstant verbessert, und die Investitionsbehörde ist international ausgerichtet und kompetent. Noch fehlt es aber am “after sales service” der anderen Ministerien. Landsuche, zahlreiche Genehmigungen (für den Import von Samen, für den Export von Gemüse, etc.) und Behördengänge waren und sind deutlich langwieriger. Viele Investoren sind nicht so weit gekommen wie wir, haben kein Land gefunden oder bis heute nicht die richtige Genehmigung erhalten.

Die Gründe hierfür liegen in unklaren Kompetenzen, Angst vor Entscheidungen, ständig wechselnden Zuständigkeiten und Regelungen und insbesondere in unklaren Prozessen und Vorgaben. Ein Mangel an analoger Anwendung bestehender Regelungen auf neue Situationen muss leider auch festgestellt werden.

Wir konnten inzwischen viele Fortschritte machen. Die Farm produziert zwischen 15 und 20 Tonnen Obst und Gemüse in der Woche, wir haben eine moderne Tröpfchenbewässerung auf 30 ha installiert, kompetentes Personal an Ort und Stelle gefunden und eine relativ stabile Kundenbasis. Trotzdem bleibt das Gefühl, dass wir jeden Tag kämpfen, jeden Tag vor Herausforderungen stehen, die man in Europa so nicht kennt. Die Beschaffung von in der Regel unbedeutenden Kleinteilen ist teils nur über Europa möglich, Elektriker oder Mechaniker für komplexere Themen findet man nur 450 km entfernt in Addis Abeba, und. . .., und . . . .

Die politische Entwicklung des letzten Jahres in Äthiopien kann nur begrüßt werden. Zahlreiche Reformen wurden angestoßen, das Investitionsklima weiter verbessert. Noch fehlt die Einheit des Landes, die ethnischen Konflikte müssen weiter beruhigt werden. Trotzdem steht Äthiopien besser da als vor fünf Jahren.

Nun müssen wir uns aber Gedanken über den Fokus von Entwicklungshilfe machen. Es konnten erhebliche Fortschritte bei der Bildung und dem Zugang zu den Universitäten in Äthiopien geschaffen werden. Dies führt zu einem erheblichen Bedarf an Arbeitsplätzen für all diese ausgebildeten, aber ungeduldigen jungen Menschen. Das betrifft nicht nur äthiopisches Regierungshandeln, auch deutsche und internationale Entwicklungshilfe sollten einen großen Teil ihrer Bemühungen und Gelder in die Schaffung von Arbeitsplätzen investieren. Es ist leider schon heute Realität, dass die innere Stabilität afrikanischer Länder durch Jugendliche ohne Zukunftsaussichten gefährdet wird. Äthiopien hat hier mit der Schaffung von Industrie-Parks interessante Fortschritte erzielt; der Fokus muss jedoch noch viel mehr auf die Förderung von Privatinvestitionen, die zu nachhaltigen Arbeitsplätzen führen, gelegt werden.

Unsere Investition kann durchaus als Beispiel dienen: In einer Region, in der es außer Landwirtschaft heute keinerlei Beschäftigungschancen gibt, ist es gut, Ausbildungsmöglichkeiten zu schaffen. Dies wird aber nicht lange helfen, wenn keine Jobs folgen. Was erwarten wir dann von den jungen Menschen, die nach dem Studium in die elterliche Hütte zurückkehren müssen? Trotz der Schaffung von bis zu 400 Jobs bis Ende 2020 (inklusive 20 % Fachpersonal) ist unser Projekt nicht öffentlich förderfähig. Hier sollte der Ansatz breiter werden, um mehr private Investitionen nach Afrika zu ziehen.

Die Rückkehr in die Anwaltskanzlei nach meinen Reisen nach Äthiopien fällt mir immer ein bisschen schwer. Die unternehmerischen Erfahrungen und die gelebte Praxis vor Ort haben mir indes auch viele Vorteile bei der Beratung meiner Mandanten, insbesondere bei Investitionsberatungen in Afrika, aber auch bei den traditionellen Mandanten in Europa gebracht.

Lutz Hartmann, Rechtsanwalt/Avocat à la Cour, Frankfurt a. M.

 
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