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ZLR 2020, 1
Mettke 

Der Wald – Abschied von der Romantik

Wer hat dich, du schöner Wald,

aufgebaut so hoch da droben?

Wohl, dem Meister will ich loben,

solang noch mein Stimm' erschallt

Was wir still gelobt im Wald,

wollen's draußen ehrlich halten,

ewig bleiben treu die Alten,

bis das letzte Lied verhallt,

ewig bleiben treu die Alten,

bis das letzte Lied verhallt.

Lebe wohl, . . .

Schirm dich Gott,

schirm dich Gott,

du schöner Wald!

Der Wald galt nicht immer als Freund der Menschen. Dunkele, dichte Wälder, Gebirge, reißende Gewässer und Sümpfe konnten von den Menschen nur unter großen Gefahren erschlossen werden. Wegen der wilden Tiere, der Wölfe und der Bären und dazu einer unendlichen Zahl böser Geister und Hexen. Auch gefährliche Wegelagerer, Räuber und Vagabunden trieben sich dort herum. Die Verbannung bedeutete stets den Ausschluss von der Zivilisation. Auch Kinder und Alte, die man nicht länger ernähren konnte oder wollte, wurden häufig im Wald ausgesetzt und ihrem Schicksal überlassen.

Hänsel und Gretel

Vor einem großen Walde wohnte ein armer Holzhacker mit seiner Frau und seinen zwei Kindern; das Bübchen hieß Hänsel und das Mädchen Gretel. Er hatte wenig zu beißen und zu brechen und einmal, als große Teuerung ins Land kam, konnte er auch das tägliche Brot nicht mehr schaffen. Wie er sich nun abends im Bette Gedanken machte und sich vor Sorgen herumwälzte, seufzte er und sprach zu seiner Frau: “Was soll aus uns werden? Wir können wir unsere armen Kinder ernähren, da wir für uns selbst nichts mehr haben?” “Weißt Du was Mann” antwortete die Frau, “wir sollen morgen in aller Frühe die Kinder hinaus in den Wald führen, wo er am dicksten ist; da machen wir ihnen ein Feuer an und geben jedem noch ein Stückchen Brot, dann gehen wir an unsere Arbeit und lassen sie allein. Sie finden den Weg nicht wieder nach Hause und wir sind sie los”.

Das Wirtshaus im Spessart

Aber Felix der Goldarbeiter sah sich oft ängstlich um. Wenn der Wind durch die Bäume rauschte, so war es ihm, als höre er Tritte hinter sich. Wenn das Gesträuch amZLR 2020 S. 1 (2) Wege hin und her wankte und sich teilte, glaubte er Gesichter hinter den Büschen lauern zu sehen.

Man hatte ihm vom Spessart so mancherlei erzählt. Eine große Räuberbande sollte dort ihr Wesen treiben, viele Reisende waren in den letzten Wochen geplündert worden, ja man sprach sogar von einigen greulichen Mordgeschichten, die vor nicht langer Zeit dort vorgefallen seien. Da war ihm nun doch etwas bange für sein Leben.

Waldgespräch

Es ist schon spät, es wird schon kalt,

Was reit'st du einsam durch den Wald?

Der Wald ist lang, du bist allein,

Du schöne Braut! Ich führ' dich heim!

“Du kennst mich wohl – von hohem Stein

Schaut still mein Schloß tief in den Rhein.

Es ist schon spät, es wird schon kalt,

Kommst nimmermehr aus diesem Wald!”

Mit der Romantik aber entstand ein ganz anderes, ein eher andachtsvolles Verhältnis. So hat es sich unter dem Einfluss vor allem Rousseaus und der klassisch-romantischen Naturpoesie entwickelt. Das romantische Naturempfinden ist erstmalig von Chateaubriand, dem französischen Politiker und Schriftsteller in Europa durch seinen Roman “Atala” erweckt worden. Es ist die Geschichte eines Indianermädchens in der das natürliche Leben in der Wildnis und die christliche Lebensform zu einer Einheit verschmelzen. Das Ende dieser Geschichte ist tragisch. Der rührende Schatten jener “Atala” und die romantische Liebesgeschichte hat im 18. Jahrhundert das ganze lesende Europa zu Tränen gerührt. Gott hat die Natur als vollkommene Lebensgrundlage für die Menschen geschaffen. Der Glaube an die Göttin Natura wird für viele Menschen zur wahren Religion. Im “Heiligen Dom” des Waldes fühlen sich die Menschen oft näher zu Gott hingezogen, als in den Gotteshäusern der christlichen Kirchen.

Waldeinsamkeit

Du grünes Revier,

Wie liegt so weit

Die Welt von hier!

Schlaf nur, wie bald

Kommt der Abend schön,

Durch den stillen Wald

Die Quellen gehn,

Die Mutter Gottes wacht,

Mit ihrem Sternenkleid

Bedeckt sie dich sacht

ZLR 2020 S. 1 (3)

In der Waldeinsamkeit,

Gute Nacht, gute Nacht!

Die kollektiven Ängste der Deutschen vor dem “Waldsterben” haben ihren Ursprung in dieser nahezu religiösen Waldverbundenheit. Hinzu kommt der nationale Mythos von der Schlacht im Teutoburger Wald. Bei dem Rückzug in die Winterquartiere am Rhein, ließ der Konsul Quinctilius Varus 9 n.Ch. sich von Armin, dem Etrusker, dazu verführen, durch den Teutoburger Wald zu ziehen, vom strömenden Regen umzingelt und mit dem ganzen entfesselten Furor teutonicus angegriffen, wurden seine Legionen fast völlig niedergemacht. Hermann der Cherusker wurde so zum deutschen Nationalhelden. Heinrich Heine hat dies “In Deutschland – ein Wintermärchen” mit der ihm eigenen Ironie kommentiert:

“Da ist der Teutoburger Wald,

den Tacitus beschrieben,

das ist der klassische Morast,

wo Varus stecken geblieben.

“Gottlob! Der Hermann gewann die Schlacht,

die Römer wurden vertrieben,

Varus mit seinen Legionen erlag,

und wir sind Deutsche geblieben.”

Aber schließlich war es nicht der undisziplinierte Haufen der Germanen, der diesen Sieg errungen hatte, sondern es war der undurchdringliche Wald. So ist der Wald zum Sinnbild von Schutz und Schild vor äußerer Bedrohung geworden.

Mit dem Klimawandel wird alles anders. Der Wald wird nun wieder zur Gefahr, er wird gleichsam zur Waffe. Die Stürme reißen die Bäume aus der Erde, zerreißen Stromleitungen und Funkmasten machen Häuser unbewohnbar, sperren Verkehrswege und zertrümmern Autos. Viele Menschen verlieren ihre Existenzgrundlage. Immer mehr Wälder verschwinden durch Waldrodungen und Flächenbrände. In Kanada und Kalifornien, in Australien, Sibirien, Spanien, Portugal und schließlich auch in Brandenburg. Den Rest besorgt der Borkenkäfer. Es ist nicht nur das Holz, das verbrennt; vernichtet wird der Lebensraum von Millionen Pflanzen, Tieren und Menschen. Extremwetter und Naturkatastrophen stellen die Volkswirtschaften vor gewaltige Probleme. Wirbelstürme, Überschwemmungen, Hitzewellen und Dürren gefährden die landwirtschaftlichen Erträge und damit auch die Nahrungsmittelversorgung. So wird auch “Der Konsum der Romantik”, wie er uns in der Naturwerbung für Lebensmittel täglich begegnet, an sein Ende gelangen; schon jetzt dominieren Warnungen vor Umweltgefahren und dem klimaschädlichen Konsum von Fleisch und Milch. An ihrer Stelle wird vegetarische und vegane Ernährung propagiert, um der Apokalypse doch noch zu entkommen. Der Mensch lebt nicht mehr außerhalb der Natur, sondern er ist selbst Gefangener dieser chaotischen Klimaentwicklung.ZLR 2020 S. 1 (4) Chaos ist mehr als nur Unordnung, sondern bedeutet, dass die Welt unbewohnbar wird.

Trotz allem – Wälder wird es immer geben. Aber das romantische Gefühl zum Wald als gottgegebene Einheit von Mensch und Natur verbrennt mit dem Feuer und versinkt in den unberechenbaren Stürmen.

“Abschied” – die heimliche Nationalhymne der deutschen Seele. Es ist ein Lied von gestern.

O Täler weit, o Höhen,

O schöner, grüner Wald,

Du meiner Lust und Wehen

Andächt'ger Aufenthalt!

Da draußen, stets betrogen,

Saust die geschäft'ge Welt,

Schlag noch einmal den Bogen

Um mich, du grünes Zelt!

Schirm dich Gott,

du schöner Wald!

Gedichte

Joseph von Eichendorff

Heinrich Heine

Märchen

Gebrüder Grimm

Wilhelm Hauff

Rechtsanwalt Thomas Mettke, München

 
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