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BB 2018, I
Wüstemann 
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Nachruf auf Professor Dr. Dr. h. c. mult. Adolf Moxter

Abbildung 1

Adolf Moxter wurde am 3.10.1929 in Frankfurt a. M. geboren. Nach dem betriebswirtschaftlichen Studium an der Johann Wolfgang Goethe-Universität wurde er mit einer Arbeit über “Methodologische Grundfragen der Betriebswirtschaftslehre” (1957) promoviert und habilitierte sich, als Schüler von Karl Hax, mit der Arbeit “Der Einfluss von Publizitätsvorschriften auf das unternehmerische Verhalten” (1961). Nach einem Ruf an die Universität des Saarlandes kehrte er im Jahre 1965 zurück an die Johann Wolfgang Goethe-Universität, an der er, trotz weiterer ehrenvoller Rufe, bis zu seiner Emeritierung im Jahre 1997 als Direktor des Seminars für Treuhandwesen wirkte.

Am 7.4.2018 starb Adolf Moxter. Ein großes Gelehrtenleben hat sich vollendet. Mit ihm verliert die Betriebswirtschaftslehre eine Forscherpersönlichkeit, die sie wie kaum eine andere prägte.

Adolf Moxter hat auf der Grundlage einer methodischen Durchdringung des Fachs in seiner Breite in der fruchtbaren Auseinandersetzung mit großen Richterpersönlichkeiten des Bundesfinanzhofs letztlich die betriebswirtschaftliche Wissenschaft von der “Bilanz im Rechtssinne” (Georg Döllerer) erst geschaffen. Einer der zentralen, den Paradigmenwechsel vorbereitenden Aufsätze erschien 1959 im Betriebs-Berater: In ihm forderte Döllerer, dass Grundsätze ordnungsmäßiger Buchführung als Ausdruck ihrer Normqualität “nicht durch statistische Erhebungen, sondern durch Nachdenken” zu ermitteln seien (BB 1959, 1220). Insbesondere im Betriebs-Berater hatte der sich anschließende interdisziplinäre Dialog zwischen Richtern, Rechtswissenschaftlern und Betriebswirten ein zentrales Forum; hier entfaltete Adolf Moxter seit den 1970er Jahren in vielen Aufsätzen exemplarisch Leitprinzipien, Wertungen und Konkretisierungen der ausschüttungsstatischen Bilanztheorie. Die höchstrichterliche Finanzrechtsprechung, mithin das geltende Recht, und die Bilanzierungspraxis prägte er durch sein gewaltiges Werk wie kein anderer Betriebswirt.

Parallel hierzu entwickelte Adolf Moxter die modernen Grundsätze ordnungsmäßiger Unternehmensbewertung: Seine Arbeiten stehen für die radikale Abkehr von substanzorientierten Bewertungsverfahren und die Hinwendung zum Ertragswertverfahren. “Bewerten heißt vergleichen” (Moxter): Aus diesem Nucleus, dem eigentlichen Herzstück der Betriebswirtschaftslehre überhaupt, leitete er seine Unternehmensbewertungslehre ab. Man kann sich heute nur noch schwer vorstellen, dass es gegen die Einsicht, der Unternehmenswert basiere auf einem zukünftigen Vorteilsstrom, zunächst massive Widerstände gab. Aber es liegt offenbar im Wesen von großen wissenschaftlichen Erkenntnissen, dass sie, nachdem sie sich einmal durchgesetzt haben, als selbstverständlich angesehen werden.

Die sein Werk ausmachenden Lehrbücher, wissenschaftlichen Monographien und Aufsätze charakterisiert dabei eine “Sprachkunst, [. . .] von lateinischer Klarheit und Durchsichtigkeit, die in der deutschen Wissenschaft aller Sparten ihresgleichen sucht”, wie die Richterpersönlichkeit Lothar Woerner in dieser Zeitschrift festhielt (BB 1999, 2199). Guter Stil, so konnte man bei Adolf Moxter lernen, ist Ordnung und Führung des Gedankens – mehr noch: “Bien écrire, c'est tout à la fois bien penser, bien sentir et bien rendre; c'est avoir en même temps de l'esprit, de l'âme et du goût” (de Buffon, Discours sur le style, 1753). Seiner Forschungsexzellenz wurde – als dieses Wort noch nicht Bestandteil des universitären Jargons war – breiteste Anerkennung zuteil: Erwähnt seien hier nur die Verleihungen der Ehrendoktorwürden der Universitäten Trier (1992), München (1992) und Leipzig (1999) sowie die Ehrenmitgliedschaft des Instituts der Wirtschaftsprüfer e. V. Seinen Einfluss auf Rechtsprechung, Theorie und Praxis dokumentieren exemplarisch die mehr als 60 Beiträge auf 1500 Seiten in der ihm 1994 dedizierten Festschrift “Bilanzrecht und Kapitalmarkt”.

Adolf Moxter prägte Generationen von Schülern – über die sich ändernden Zeitgeiste und ihre jeweiligen Wirkungen auf die Studierenden hinweg. In der Lehre begeisterte er und gewann diese für sein Fach: Seine Agilität, seine intellektuelle Brillanz und die strukturierende Fassung größter Wissensgebiete auf das Lehr- und Lernbare hin sind allen, die ihn im Hörsaal erleben durften, unvergesslich – ebenso wie die Schärfe seines Urteils.

Die ganz besondere Bindung, die Moxter-Schüler zu ihm haben, ist aber vor allem seiner außergewöhnlichen Persönlichkeit geschuldet. Als Doktor- und Habilitationsvater erlebte man ein menschliches wie fachliches Vorbild: Liberalität im umfänglichsten Sinne, wissenschaftliche Unbestechlichkeit, persönliche Förderung, Großherzigkeit und eine Empathie, die es ihm ermöglichte, nicht nur persönlichen Rat zu geben, sondern das Wesen seiner Schüler insgesamt zu prägen. Bei ihm konnte man erfahren, dass wahre Nähe etwas anderes ist als Distanzlosigkeit. Er lebte vor, was Universität im eigentlichen Sinne bedeutet und bedeuten müsste: die universitas magistrorum et scolarium. Auch sein charakteristischer Humor war nicht zuletzt Ausdruck der Unabhängigkeit, die das Wesen von Wissenschaft als Beruf und als Berufung ist. Und im – nie verletzenden – Spott war er wesensverwandt mit Voltaire, den er sehr schätzte. Er strahlte eine Gelassenheit aus, die, so darf man vermuten, im Kern auf einem skeptischen, aber doch wohlwollenden Menschenbild beruhte: “Homo sum, humani nihil a me alienum puto”.

Montaigne, der ihm, so scheint es, in vieler Hinsicht im balancierten Temperament und der reflektierten Weltschau nahe war, schrieb: “Die großen Toten haben an sich eine solche Auferstehungskraft, dass sie sich irgendwo immer wieder melden, als seien sie dem fortschreitenden menschlichen Geiste ein unentbehrliches Bedürfnis und eine nie versiegende Quelle.” Adolf Moxter ist als menschlich und fachlich herausragender akademischer Lehrer für alle seine Schülerinnen und Schüler diese nie versiegende Quelle: Wir haben ihm weit mehr zu verdanken als die fachliche Prägung. Wir werden ihn sehr vermissen. Aber er wird, als Teil unseres Wesens, bleiben.

Prof. Jens Wüstemann

 
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